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Nachruf Mit Liebe und Akribie

Er hatte noch viel vor, aber darauf nimmt der Tod keine Rücksicht: Zum Tod des nimmermüden, immer aufmerksamen Brecht-Forschers Werner Hecht.

Brecht in Augsburg
Ein Forscherleben für Bert Brecht, hier als Büste und auf Fotos im Augsburger Geburtshaus. Foto: Karl-Josef Hildenbrand (dpa)

Wenn ein Anruf von dieser Nummer einging, wusste der Redakteur, dass das Telefonat ein bisschen dauern und sicher einiges an Arbeit nach sich ziehen würde. Eine so zarte wie eindringliche Stimme meldete sich – man konnte noch einen Hauch vom Sächsisch des Geburtsorts Leipzig im gewählten Hochdeutsch vernehmen – und kam nach kurzer Begrüßung sofort zum Eigentlichen. Der Autor, Brecht-Forscher und -Herausgeber Werner Hecht hatte, wenn er anrief, stets eine „kleine Sensation“ mitzuteilen. Gestern Mittag aber war seine Frau, die zwanzig Jahre jüngere Filmregisseurin Christa Mühl, am Telefon und teilte mit, dass ihr Mann am Sonntag in der Reha-Klinik gestorben ist. Er sei nach einer Herzkrankheit und einer Lungenentzündung auf dem Wege der Besserung gewesen, die Schwestern hätten sich über die guten Werte des 90-Jährigen kaputtgelacht, erzählt Christa Mühl. Dann aber sei er friedlich eingeschlafen.

Ansteckende Begeisterung

Auch Hechts letzter Anruf in der Redaktion im vergangenen Sommer befasste sich natürlich mit Brecht. Die „kleine Sensation“ war diesmal die von Hecht akribisch in den Archiven recherchierte Geschichte von Bertolt Brechts erstem Landhaus im bayerischen Utting am Ammersee. Hecht hatte ein „Utting-Konvolut“ zusammengestellt und wollte es in Brechts letztem Landhaus in Buckow am Schermützelsee übergeben, eine Ausstellung war geplant, bei deren Eröffnung trat Hecht zum letzten Mal öffentlich auf. Die Geschichte handelte von juristischen Tricks, an denen unter anderem auch Theo Lingen beteiligt war.

Dank dieses komplexen Vorgehens konnte das Haus für die Familie Brechts, der 1935 ins Exil gegangen und enteignet worden war, gesichert werden. Werner Hecht erzählte diese Geschichte am Telefon in großer Klarheit, flocht Nebenbemerkungen ein, von denen er voraussetzte, dass sie dem Redakteur geläufig waren, brachte Prominente jener Zeit ins Spiel, weil er wusste, dass eine Tageszeitung in der heutigen Zeit nicht nur Sensationen brauchte, sondern eben auch ein bisschen Glamour. Als die Geschichte zu Ende erzählt war, machte er eine Pause, um sie wirken zu lassen. Und was tat der in der Tat beeindruckte Redakteur? Der überlegte, wie er diesen komplizierten Stoff in eine zeitungskompatible Form bringen könnte; er überschlug, wie viele Mails und Unterschriften nötig waren, um an die Rechte für die illustrierenden Bilder zu kommen; er konnte schon die Einwände der hausinternen Blattkritiker vernehmen, die das Ganze nicht ganz zu Unrecht schon sehr „speziell“ finden würden. Dann aber folgten Tage mit vielen weiteren Hecht-Telefonaten, die unglaublich bereichernd und ansteckend waren.

Werner Hecht hat Bertolt Brecht sein Forscherleben gewidmet. Nach dem Studium bei Hans Mayer und Ernst Bloch in Leipzig ging er 1959 als Dramaturg ans Berliner Ensemble, wo er sich bis 1974 um die Sortierung, Dokumentation und Einordnung von Brechts Nachlass kümmerte und darüber publizierte: „Brechts Weg zum epischen Theater“ war 1962 das erste von Hechts Brecht-Büchern, sein „Brechts Leben in Bildern und Texten“ (1978) stand im Bücherregal jedes DDR-Intellektuellen. Hecht kroch immer tiefer in seinen Forschungsgegenstand hinein, gab die theoretischen Schriften Brechts in elf Bänden heraus und stellte weitere Materialbände zusammen. Folgerichtig wurde er 1977 Direktor des Berliner Brecht-Zentrums und führte es durch die Wende, bis er 1990 in den Ruhestand ging. Vermutlich nur, um administrative und protokollarische Pflichten loszuwerden und ungestört an dem arbeiten zu können, was ihn interessierte: Brecht.

Schließlich war auch die Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe der Werke Brechts zu einem glücklichen Ende zu führen, ein ziemlich einzigartiges deutsch-deutsches Forschungsprojekt, das 1988 begonnen wurde und zehn Jahre in Anspruch nahm, bis es zu Brechts 100. Geburtstag in 33 wunderschönen, in graues Leinen gebundenen und mit roter Schrift geschmückten Bänden herauskam.

Dick wie ein Telefonbuch

Auch damit war es nicht genug. Werner Hecht schob 1998 den nächsten Triumph nach: Eine bei Suhrkamp veröffentlichte „Brecht-Chronik“ in 5450 Eintragungen. Sie ist dick wie ein Telefonbuch, ordnet übersichtlich wichtige und eher abseitige Informationen sowie Hunderte Bilder, von denen nur Hecht wusste, wo sie aufzutreiben sind. So sehr er sich damals über den Redaktionsschluss ärgerte – „ein gewaltsamer Abschluss des laufenden Arbeitsprozesses“ –, so inspirierend war diese Chronik für konkurrierende Forscherkollegen, etwa für den Brecht-Kenner Ernst Schumacher (1921-2012), die ihrerseits lauter „kleine Sensationen“ zutage förderten.

Hecht blieb auf dem Stand der Forschung, registrierte jeden aufgefundenen „Brecht-Koffer“ und brachte 2007 einen Ergänzungsband der Chronik heraus, in deren Vorwort der damals 80-Jährige eine Einsicht formulierte: „Ich gebe zu: Mein Plan, mit der Chronik 1997 die Beschäftigung mit Brecht abzuschließen, war nicht einzuhalten. Alles befindet sich in Entwicklung.“ Doch darauf nimmt der Tod keine Rücksicht.

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