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Nachruf Leben im Versteck des Literaturbetriebs

Der große Adorno- und Benjamin-Herausgeber Rolf Tiedemann ist mit 85 Jahren gestorben.

Es gibt Berufe, die dienen als Versteck. Manchmal passiert es, dass diese Orte entdeckt werden. Dem DJ erging es so. Bis vor dreißig Jahren war das jemand, der Platten auflegte. Den kannten ein paar Freunde, niemand sonst. Dann wurde er entdeckt als der, der die richtigen Platten zusammenstellte, der den Soundtrack des Tages, der Nacht, des Wochenendes schuf. Nicht als Komponist, sondern als Arrangeur bereits vorhandener, von Anderen bereitgestellter Klänge.

Lektor war ein ähnliches Versteck. Der Verleger mochte wissen, was er an ihnen hatte. Jetzt, da die Gehälter noch tiefer gesunken sind, findet man die Namen der Lektoren manchmal in den Büchern. Das scheint eine kostengünstige Form der Gratifikation.

Rolf Tiedemanns Namen ist jeder begegnet, der eine ältere Ausgabe der Werke Walter Benjamins in Händen hielt. Auch die große Adorno-Ausgabe ist zu einem guten Teil sein Werk. Er und der vor drei Jahren 87-jährig verstorbene Hermann Schweppenhäuser gaben seit Beginn der siebziger Jahre die Gesammelten Schriften Walter Benjamins heraus. Es ist der Benjamin der 68er geworden. Sehr durch Adornos Brille, aber mit den klassenkämpferischen Schriften und mit denen „Über Haschisch“. Die übrigens, bevor sie in den Schriften erschienen, als Raubdruck zu haben waren. Der große, etwas träge, heftig befehdete Tanker Suhrkamp schickte immer mal wieder ein paar Benjaminsche Texte in Beibooten hinaus mitten hinein in die aktuellen Debatten über Kindererziehung, Gewalt oder eben auch Haschisch.

Ich weiß nicht, ob das gegen den Willen der beiden Herausgeber möglich gewesen wäre. Vielleicht war sogar der Verlag an dieser sich subversiv gebenden Art von Reklame interessiert. Ich kann mich an niemanden erinnern, dem damals deswegen der Prozess gemacht wurde. Dass die Benjamin-Ausgabe selbst dann auch von Raubdruckern nachgedruckt wurde, ist eine ganz andere und ganz anders zu beurteilende Geschichte.

Herausgeber stehen meist deutlich sichtbar in der Titelei eines Buches. Also kein wirkliches Versteck? Wer Walter Benjamin liest, der liest Walter Benjamin. Wer Adorno liest, liest Adorno. Er glaubt nicht, den Tiedemann’schen Benjamin oder Adorno zu lesen. Sobald dieser Verdacht auch nur aufkommt, hat der Herausgeber ein dickes Problem.

Die Benjamin-Ausgabe wurde heftig attackiert, aber nicht, weil Texte falsch abgedruckt wurden, sondern weil die Kritiker fanden, durch ihre Auswahl vermittele sie ein falsches Bild des Autors, der aus Berlin nach Paris geflohen war und sich beim Versuch, 1940 die Pyrenäen zu überqueren, das Leben genommen hatte.

Walter Benjamin war nicht nur nacheinander Metaphysiker, Historiker, Literat, Kritiker und Klassenkämpfer, sondern manchmal alles zusammen im selben Text. Ja es gibt Sätze von ihm, die sich in alle Richtungen öffnen. So einer würde missverstanden, wenn man ihn eindeutig machen würde. Tiedemanns erläuternde Aufsätze sind nie in diese Falle gegangen. Am Ende gilt das auch – gegen alle zeitgenössisch-voreilige Kritik – für seine Werkausgaben.

Rolf Tiedemanns Editionen Benjamins und Adornos sind inzwischen beide dabei, von anderen, deutlich umfangreicheren abgelöst zu werden. Das nimmt ihnen nichts von der Bedeutung, die sie über viele Jahre, ja Jahrzehnte hatten.

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