Lade Inhalte...

Nachruf Katharina Rutschky Die Aufklärerin

Die Autorin und Erziehungswissenschaftlerin Katharina Rutschky ist kurz vor ihrem 69. Geburtstag gestorben. Sie gehörte zu den einflussreichen Intellektuellen der Berliner Republik. Von Harry Nutt

Katharina Rutschky starb im ALlter von 68 Jahren. Foto: Petra Welzel

Das wichtigste Medium ihres intellektuellen Ausdrucks war der Streit. Im Kampf um das richtige Argument konnte Katharina Rutschky schnell in Rage geraten. Unterschwellig Gesagtes spürte sie unerbittlich auf, Ungenauigkeiten duldete sie nicht. Dabei war sie alles andere als streitsüchtig. Sie wusste ihre scharfe Zunge stets mit damenhafter Eleganz einzusetzen.

Zu einer besonderen Probe ihrer aufgeklärten Empfindsamkeit geriet Anfang der 90er Jahre die Debatte um sexuellen Missbrauch, in der Katharina Rutschky schonungslos die Ambivalenzen des Missbrauchsbegriffs aufdeckte und vor dessen Missbrauch warnte. Die Angst vor dem Missbrauch, so Rutschkys Kernthese, grassiere wie ein ideologischer Virus, der zur Diskreditierung alles Sexuellen führe.

Für ihr Engagement gegen eine Instrumentalisierung des Missbrauchsbegriffs wurde Rutschky in öffentlichen Diskussionen körperlich attackiert und in feministischen Kreisen zur Persona non grata erklärt. Als Feministin der ersten Stunde der 68er Bewegung wurde sie später zur strengen Kritikerin eines feministischen Fundamentalismus, den sie als spießig und lustfeindlich kritisierte.Bei den publizistischen Debatten blieb es oft nicht. Durch ihre Argumentation in der Missbrauchsdebatte ausgelöst, befasste sie sich auch mit konkreten Fällen. Betroffene, die sich verzweifelt gegen einen Täterverdacht zu wehren versuchten, sahen in ihr eine Verbündete. Über mehrere Jahre wurde Katharina Rutschky von der Debatte, die sie angestoßen hatte, nicht zuletzt als Konfliktberaterin absorbiert.

Debatte über die "Schwarze Pädagogik"

Dabei war ihre Auseinandersetzung mit dem Missbrauchsthema zuerst eine Fortsetzung ihrer wissenschaftlichen Beschäftigung mit den Fragen der "Schwarzen Pädagogik". In dem gleichnamigen, bereits 1977 erschienenem Band, hatte Rutschky historische Quellen zur Naturgeschichte der bürgerlichen Erziehung gesammelt. Schwarze Pädagogik, so Rutschkys zentrale Überlegung, zielt auf die Installation eines gesellschaftlichen Über-Ichs im Kind, in deren Namen über Jahrhunderte Züchti-gungspraktiken aller Art gegen die "böse Kindsnatur" gerichtet wurden. Katharina Rutschky unterrichtete mehrere Jahre auch als Lehrerin in der Erwachsenenbildung.

Ihr unverwechselbares intellektuelles Profil entfaltete sie jedoch als freie Autorin, die sich an keine Zeitung binden ließ. Sie war von beinahe allen bedeutenden Feuilletons umworben, doch es verlangte immer auch eines besonderen Fingerspitzengefühl des jeweiligen Redakteurs, sie für ein Thema zu gewinnen. Am erfolgreichsten war dabei ohne Zweifel ihr Freund und Redakteur Kurt Scheel, Herausgeber der Zeitschrift Merkur, für den Katharina Rutschky über viele Jahre eine Humaniora-Kolumne schrieb.

Es war der besondere Blick auf gesellschaftliche Phänomene, die solche Texte trotz ihr zeitgebundenen Form zu haltbaren Einlassungen machte. So erklärte Rutschky beispielsweise die auffällige Gewaltbereitschaft Jugendlicher mit der diffusen Gestalt eines jugendlichen Irreseins, das letztlich also einen vorübergehenden Zustand darstellt. Oder sie diagnostizierte den gesellschaftlichen Wandels des normativen Verbots zu einer Art ubiquitären Strategie des Schutzes. Gegen Verbote kann man sich wehren, die Idee eines übergeordneten Schutzes lässt jedoch kaum Widerspruch zu.

Von Anti-Alarmismus geprägt

In ihrem freudianisch geprägten Aufklärungsbegriff ging Rutschky stets vom Konkreten aus und hielt es auch so, wenn sie als passionierte Hundebesitzerin eine Soziologie des Stadthundes schrieb.

So sehr sich Katharina Rutschky in Diskussionen auch erregen konnte, so war ihr publizistisches Projekt nicht zuletzt von einem durch Lebensklugheit gesättigtem Anti-Alarmismus getragen. Sie war ein bewundernswert freier Geist und verstand es, das Leben, wie es war, auch zu genießen. Nicht zufällig gehörten stundenlange Stadtspaziergänge mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Michael Rutschky, und dem Cockerspaniel Pelo zum familiären Ritual des Berliner Intellektuellenpaars, das publizistisch getrennt auftrat, aber doch ein gemeinsames Projekt verfolgte.

Katharina Rutschky, die als junge Frau in der Frankfurter Studentenbewegung politisch und intellektuell sozialisiert worden war und mit Michael Rutschky später das intellektuelle Leben Berlins nachhaltig beeinflusste, wird nicht nur als unbestechliche Debattenstimme, sondern auch als Ratgeberin und neugierige Zuhörerin in Gesprächen fehlen, die sich gerade dann entspannen, wenn sie eine schnöde Textanfrage für das Tagesgeschäft wieder einmal abgelehnt hatte. Um so kostbarer erscheinen nun die Texte, die sich in stattlicher Zahl auch im Archiv der Frankfurter Rundschau finden. Katharina Rutschky ist am Donnerstag nach schwerer Krankheit kurz vor ihrem 69. Geburtstag in Berlin gestorben.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen