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Nachruf Hans Mommsen Unbequemer Blick auf die NS-Zeit

Er galt als der bedeutendste Historiker des Nationalsozialismus in Deutschland: Hans Mommsen ist tot. Der Wissenschaftler, der im Historikerstreit Mitte der 80er Jahre eine wichtige Rolle spielte, starb mit 85 Jahren.

Hans Mommsen entstammte einer Historikerdynastie: Er war Urenkel des legendären Theodor Mommsen. Foto: dpa

Hans Mommsen starb am 5. November, am Tag seines 85. Geburtstages. Ich weiß nichts Näheres. Aber man horcht natürlich auf, wenn jemand am Tag seines Geburtstages stirbt und nun gar ein Historiker, der auf Daten, auf Chronologie geeicht ist.

Aber kaum jemand war so weit weg vom Aufblähen historischer Zahlenspiele. Hans Mommsen hat Generationen deutscher Historiker beigebracht, was Strukturgeschichte ist, wie Bürokratien arbeiten, miteinander und gegeneinander. Wie falsch es ist, die Weltgeschichte als die Geschichte der Taten großer Männer zu betrachten. In seinem umfangreichen Werk gibt es keine einzige Biografie. Er schrieb über die Beamtenschaft im Dritten Reich, über Bergarbeiter, Volkswagen und die Sozialdemokratie und immer wieder schrieb er unter immer neuen Titeln über den „Weg der Republik von Weimar in den Untergang“.

Zuletzt veröffentlichte Hans Mommsen ein kurzes Nachwort zur Studie des Nicht-Historikers, des Romanautors Norman Ohler, „Der totale Rausch. Drogen im Dritten Reich“. Mommsen zeigt sich sehr beeindruckt von der Arbeit Ohlers. Erstmals mache der die Vorgänge im Herbst 1941 begreiflich. „Eindrucksvoll zeigt Norman Ohler, wie das Führerhauptquartier immer führungsunfähiger wurde – und Hitler einen Prozess der Selbstausschaltung in Gang setzte.“ Dann kommt der Satz, der sehr viel sagt über den Gang der bundesrepublikanischen Geschichtsschreibung: „Es ist dies eine äußerst beunruhigende Exploration, wie Weltgeschehen durch medizinische Trivialitäten gesteuert werden kann.“ Sein Nachwort endet mit dem Satz: „Dieses Buch ändert das Gesamtbild.“

Hans Mommsen war nicht irgendein Professor für moderne deutsche Geschichte. Er war einer der einflussreichsten Männer seines Faches. Von seinem Lehrstuhl in Bochum aus bestimmte er viele Jahre lang über ein Gutteil der bundesrepublikanischen Erforschung der NS-Geschichte mit.

Es gehört zu seinen großen Verdiensten, auch die NS-Geschichte nicht als die Tat eines verrückten Einzelnen betrachtet zu haben. Das Interagieren der Institutionen, die Art und Weise der „Gleichschaltung“, deren Grenzen und Widersprüche – das interessierte ihn, dafür gelang es ihm, Interesse zu wecken, nicht nur an den Universitäten, auch bei einem größeren Publikum.

In den ersten Nachkriegsjahren wurde wenig über den Nationalsozialismus geschrieben. Desto mehr über Adolf Hitler. Mommsen und seine Freunde sahen darin völlig zu Recht den Versuch der Mitläufer und Mittäter, sich freizusprechen und die Verbrechen des Dritten Reiches als die Adolf Hitlers und seiner Spießgesellen darzustellen. Eine kleine Gruppe sollte gewissermaßen das deutsche Volk gekapert und in den Untergang geführt haben. Mommsens eigene und die von ihm initiierten Forschungen zeigten, wie grundsätzlich falsch dieses Bild war. In vielen Untersuchungen wurde sehr deutlich, dass es nahezu keine Institution gegeben hatte, die sich dem Nationalsozialismus zu jedem Zeitpunkt in den Weg stellte.

Damit wollte Mommsen nicht pauschal alle Deutschen als Mittäter verurteilen. Er    ging vielmehr davon aus, dass die Arbeit des Historikers in erster Linie im Erkennen, Beschreiben und Analysieren der Mechanismen der Machtentfaltung bestand. Und er ging davon aus, dass es für die Einzelnen immer wieder Spielräume gab, sich diesen Mechanismen entgegenzustellen oder sich zu entziehen. Ein Historiker durfte indes nicht übersehen, wie eng diese Spielräume in totalitären Regimen oft waren. Er betonte das, als es um sehr nazifreundliche Passagen in einem Buch seines Vaters Wilhelm Mommsen ging.

So recht Hans Mommsen hatte, als er die Entlastungsfunktion der Konzentration der Forschung auf Adolf Hitler monierte, so sehr wundert einen dann doch, dass er zuletzt von der Vorstellung beunruhigt wurde, „wie Weltgeschehen durch medizinische Trivialitäten gesteuert werden kann“. Jedem, dem klar ist, dass Geschichte nicht von Institutionen, sondern von Menschen in Institutionen gemacht wird, den wird die Rolle von „medizinischen Trivialitäten“ nicht überraschen können. Die Rolle der Schwarzen Pest oder die der Grippewelle nach dem Ersten Weltkrieg zeigen das ebenso wie die vielen Fälle von Herrscherwahnsinn in der Geschichte – oder eben der Drogenkonsum Adolf Hitlers.

Hans Mommsens Schreck zeigt, dass sein Bild von der Geschichte doch weitgehend auskam ohne Fleisch und Blut der wirklichen Menschen. Ohne ihre Gier, ihren Hass. Ohne ihre Liebe und das Verlangen danach wohl auch. Der alte Hans Mommsen scheint sich noch einmal gehäutet und von den Institutionen zurück auf die Menschen gesehen zu haben.

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