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Nachruf Grimmiger Kritiker

Zum Tod des Soziologen Benjamin Barber: Angesichts der rasenden Entwicklungen eines digitalen Kapitalismus fehlt der Wissenschaftler als scharfsinniger Analytiker bereits jetzt.

Benjamin Barber
Benjamin Barber ist im Alter von 77 Jahren gestorben. Foto: imago

Das Phänomen des Dschihadismus beschäftigte ihn, lange bevor die Terrororganisation Al Kaida mit der Zerstörung des World Trade Centers 2001 einen radikalen Anspruch auf Deutungshoheit über den ursprünglich religiösen Begriff erhob. Für Benjamin Barber hatte der Dschihad zunächst auch gar nichts mit einer terroristischen Bedrohung der westlichen Welt zu tun. In seinem 1996 erschienenen Buch „Jihad vs. McWorld“ (Deutscher Titel „Coca Cola und Heiliger Krieg“) beschäftigte er sich vielmehr mit dem dschihadistischen Lebensgefühl als extremer Abwehr einer gefräßigen Globalisierung, die Barber insbesondere auch im Westen vorzufinden meinte.

Den „Dschihad“ der amerikanischen Rechten nahm er dabei ebenso ins Visier wie die verbreiteten partikularistischen Tendenzen in den urbanen Zentren. Das weithin entwickelte Kiezbewusstsein mochte Barber nicht als plötzlich entstehende kulturelle Aufmerksamkeit für das Naheliegende deuten. Der noch immer skurril anmutende Trend, den eigenen Staat gleich um die Ecke auszurufen, nahm Barber früh als ernste Gefahr für die staatlichen Institutionen wahr. In „Starke Demokratie“ hat er bereits Anfang der 80er Jahre das Konzept einer partizipatorischen Demokratie entworfen, das gegenüber den Formen einer reinen repräsentativen Demokratie durchaus skeptisch war.

Benjamin Barber, 1939 in New York geboren, ging im Alter von 18 Jahren zum Studium in die Schweiz nach Graubünden und London, wechselte dann aber Mitte der 60er an die Harvard University, wo ihn seine demokratietheoretischen Arbeiten in die Nähe der sozialphilosophischen Strömung des Kommunitarismus brachte.

Als politischer Berater war Benjamin Barber für den US-Präsidenten Bill Clinton tätig, rege Kontakte unterhielt er aber auch zum deutschen Bundespräsidenten Roman Herzog. In seinem viel beachteten Buch „Consumed“ legte Barber 2007 eine grimmige Konsumkritik vor, in der er der kapitalistischen Warenproduktion unterstellte, an einer Infantilisierung der Gesellschaft zu arbeiten, die den Bürger nachhaltig entmündigt.

Die an zahlreichen Beispielen vorgetragene Überlegung, dass der Kapitalismus die Menschen von klein auf in einen goldenen Käfig zwingt, aus dem er nicht mehr entkommen kann, hatte etwas verbissen Verschwörerisches. Barber beschränkte sich noch weitgehend auf die analoge Medien- und Warenwelt, und man mochte einwenden, dass er kaum einen Blick übrig hatte für subversive Ausgänge aus dem Konsumgefängnis.

Angesichts der rasenden Entwicklungen eines digitalen Kapitalismus aber fehlt der Wissenschaftler Benjamin Barber als scharfsinniger Analytiker bereits jetzt. Am vergangenen Montag ist er in New York im Alter von 77 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

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