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Nachruf auf David Foster Wallace Manischer Zweifler

Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace hat sein Leben mit 46 Jahren beendet. Es gab Anzeichen, dass er unter schweren Depressionen litt.

14.09.2008 00:09
GUIDO GRAF
Es gab Anzeichen, dass er unter schweren Depressionen litt: David Foster Wallace (1962 bis 2008). Foto: Getty

Der Unterschied zwischen Selbstmord und Mord beschränkt sich vielleicht auf die Frage, wo man die Käfigtür verortet: Würden sie jemanden umbringen, um sich aus dem Käfig zu befreien?" Und doch: was könnte schlimmer sein? Freitag Abend hat ihn seine Frau Karen Green gefunden: erhängt.

David Foster Wallace, 46 Jahre alt geworden, war der wichtigste, komischste, anstrengendste Schriftsteller der amerikanischen Literatur der letzten 20 Jahre. Über auf "Video aufgezeichnete Abschiedsbriefe oder so ein liebevolles Lebewohl der Todkranken", dieses "digitale Winkewinke aus dem Jenseits" hat sich Wallace schon beizeiten lustig gemacht. Dass dergleichen bei dem Toten gefunden wurde, ist nicht bekannt.

Und jetzt nehme ich mir meine verstaubtesten Wörterbücher aus dem Regal und suche die entlegensten Einträge heraus und fülle die restlichen Zeilen damit, Wörter, die nur einmal irgendwo im gesamten Weltwissen belegt sind. Wörter, wie sie in den Büchern Wallaces überaus zahlreich versammelt sind. Denn Wallace hat, vor allem für seinen Großroman "Infinite Jest" (den Ulrich Blumenbach zur Zeit ins Deutsche überträgt), sehr viel gründlicher und sehr viel mehr Wörterbücher geplündert als ich in meinem Leben vermutlich jemals zu Gesicht bekommen werde.

Wozu? Um den Wahnsinn zu komplettieren, anzuspitzen, zu verdichten, um den "unendlichen Spaß" (infinite jest) noch unendlicher zu machen, weil Wahnsinn und Spaß in der verblödeten, korrupten und verfetteten Medien- und Konsumwelt nicht nur US-amerikanischer Prägung kaum mehr zu unterscheiden sind, so dass Wallace sich und seine Leser artistisch, hochkomisch, aber eben immer auch gnadenlos den Schreib-, Sprach-, Erzählbogen überspannend mit seitenlangen Satzstrudeln nur noch weiter hineinzieht in den Wahnsinn unserer bestürzend ausgewrungener Hirnmassen, bis irgendwann - das können bei einer 80-seitigen Erzählung auch mal gefühlte 1000 Seiten sein - so etwas wie eine Rückkopplung einsetzt und Muster sichtbar werden, Zusammenhänge durchsichtig, Fäden greifbar. Und was wir dann sehen, kann uns nicht gefallen.

Der ganze Kreuzfahrt-, Werbe-, Fernsehmist, das ökonomistische und das Therapiebedürftigkeitsgebrabbel: Das sind wir, die privilegierten Asozialen, zur Kenntlichkeit entstellt. Den Zweifel, den David Foster Wallace vor allem in den Erzählungen gesät hat, die in den letzten zehn Jahren entstanden und deren Gegenstände immer finsterer geraten sind, werden wir nicht mehr los.

Ein manischer Zweifel, den nur der Tod beenden kann, so wie in "Good Old Neon", wo wir zusehends genervter dem Selbstmörder Neal zuhören, der versucht einen unsentimentalen Abschiedsbrief zu schreiben. Einen Brief wohlgemerkt, nachdem er sich umgebracht hat! Folglich - um Unwahrscheinlichkeiten kümmern wir uns nicht - kann er uns beruhigen: "In Wahrheit ist das Sterben nicht schlimm; es dauert nur ewig lange."

So lange jedenfalls, dass uns Neal noch erzählen kann, wie sein ehemaliger Mitschüler David Wallace zwinkert, während er im High-School-Jahrbuch die Klassenfotos überfliegt, "mein Foto sieht und sich durch das winzige Schlüsselloch seiner selbst vorzustellen versucht", was denn seinem Tod alles vorausgegangen sein mag.

Eben dieser David Foster Wallace, für den im wirklichen Leben anfangs alles so gut aussah, erfolgreicher Tennisspieler, studierter Philosoph und Mathematiker, der später einmal gar eine hierzulande vollkommen unbeachtet gebliebene Biographie über den deutschen Mathematiker Georg Cantor schreiben sollte und der 1987 seine Abschlussarbeit zu seinem ersten Roman ummodelte: "Der Besen im System" -, dieser David Wallace forscht in der Erzählung nun dem Selbstmord seines Schulfreundes Neal nach, der sich selbst einen Heuchler nennt und natürlich auch wieder eine weitere Karikatur des Autors Wallace darstellt, jedenfalls des früheren, strahlenden Wallace auf der Überholspur des Lebens.

Er könnte alle möglichen Spekulationen anstellen über die Motive für den Selbstmord Neals und nie damit irgendwo ankommen, doch "der echtere, robustere und sentimentalere Teil von ihm verurteilte jenen anderen Teil zum Schweigen, als sähe er ihm fest in die Augen, und sagte fast schon laut: ,Kein Sterbenswörtchen.'"

Hinterher ist es leicht, schlau zu sein und zu wissen, dass David Foster Wallace uns so viele Spuren zu seinem Tod gelegt, seinen eigenen Nachruf vorweggenommen hat. Als wäre dieser Tod nun ein letzter Baustein im großen intertextuellen Spiel der literarischen Postmoderne, zu der Wallace lange gezählt wurde. Allein "Infinite Jest" von 1996, ein Roman, bei dem man aus Lachen und Schrecken nicht mehr herauskommt, liefert mehr Stoff als genug für Depressionen: Drogensucht, Entzugsprogramme, Doping im Leistungssport, Kindesmissbrauch, verwüstete Familienstrukturen, die allgegenwärtige Werbeseuche, Religion und Entertainment.

Die Vorhölle kann nicht schlimmer sein. David Foster Wallace hat in Interviews der letzten Jahre mehrfach angedeutet, dass er unter Depressionen litt. Und es ist unheimlich, wie sehr sein persönliches Schicksal - nach der Akademikerfamilie, in der er aufgewachsen ist, nach Leistungssport, Drogen, Mathematik und Wortmonsterexistenz - die schrecklich amüsanten und genauen Gesellschaftsportraits seiner Romane und Erzählungen schließlich eingeholt hat, einholen musste.

In "Infinite Jest" lässt David Foster Wallace eine Figur nach einem Selbstmordversuch feststellen: "Ich wollte mir nicht unbedingt weh tun. Oder mich irgendwie bestrafen. Ich hasse mich nicht. Ich wollte bloß raus. Ich wollte nicht mehr mitspielen, das ist alles." Was könnte schlimmer sein?

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