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Zwei Mahlers beim Rheingau Musik Festival Die Unvollendeten

Mehr als "reizend": Das Rheingau Musik Festival endet in Kloster Eberbach mit Werken von Gustav Mahler und Alma Mahler.

Der Kanadier Yannick Nézet-Séguin beim Abschlusskonzert in Kloster Eberbach. Foto: Ansgar Klostermann/RMF

Ist es eine nur originelle oder auch glückliche Idee, einer Sinfonie Gustav Mahlers einige Orchesterlieder seiner Frau Alma Mahler vorauszuschicken? Beim Abschlusskonzert des Rheingau Musik Festivals in der Basilika von Kloster Eberbach geht sie glänzend auf. Die Werke sind biografisch verknüpft – wie Eheleute eben auch –, dazu quasi problembeladen, jedes auf seine Art. Mahler, ein musikalisches Genie ohne jede Frage, wollte bekanntlich keine komponierende Ehefrau, im furchtbaren Beziehungskrisenjahr 1910 beurteilte er das in seiner Not anders. Alma Mahler schrieb darauf „ein paar neue reizende Lieder“, so ihr Mann.

Eine Auswahl aus dem insgesamt ganz schmalen erhaltenen Werk wurde jetzt von der Sopranistin Sarah Connolly vorgestellt, begleitet vom Rotterdam Philharmonic Orchestra unter Yannick Nézet-Séguin („Fokus“-Musiker des Festivals, in drei Konzerten Mittelpunkt des Geschehens). Eine prächtige Besetzung, wie sie der abwechselnd unter- und überschätzten Komponistin – auch „reizend“ ist ja ein Reizwort, wenn es um eine Eigenschöpfung geht, natürlich – selten zuteil wird. Die Nähe zu ihrem ehemaligen Lehrer Alexander von Zemlinsky wird im spätromantischen und abwechslungsreichen Farbenrausch offenbar, der gegen die stimmungsvollen Texte von Richard Dehmel, Otto Julius Bierbaum oder auch Rainer Maria Rilke nicht abfällt. Britin Connolly, seit Jahren um Alma Mahlers Liedwerk bemüht, ist mit großer, schwerer, blühender Mezzo-Stimme die ideale Interpretin dieses gediegenen Fin-de-siècle-Wallens, zu dem in Eberbach auch das hinreißende sonnige Wiegenlied „In meines Vaters Garten“ gehörte. Gegen das Spätwerk Gustav Mahlers muss das alles altertümlich wirken. Allerdings sind die Entstehungsdaten zum Teil unklar.

Arbeiten in der Krise

Die Editionsgeschichte von Alma Mahlers Kompositionen ist überhaupt nicht ganz unkompliziert. Einige ihrer Lieder wurden später von anderen „bearbeitet“, was immer das in diesem Fall hieß. Berühmter ist das Schicksal von Mahlers mitten in der Ehekrise angegangener zehnter Sinfonie, von der nur der 1. Satz halbwegs fertig war, als der Komponist im Mai 1911 starb. Alma, inzwischen Mahler-Gropius, dann Mahler-Werfel, nahm das Manuskript mit ins US-Exil und bemühte sich lang vergeblich darum, einen Komponisten zu finden, der bereit (mutig genug) gewesen wäre, die Entwürfe der übrigen vier Sätze zu instrumentieren. Deryck Cooke übernahm die Rolle in den sechziger Jahren mit Bescheidenheit, die auch eine gelegentliche Dürre in Kauf nahm.

Schroff war in der Basilika der Gegensatz zwischen dem Strauss und Wagner aufrufenden „Erntelied“ Alma Mahlers vor der Pause und der rigorosen langen Bratschen-Linie zu Beginn der Sinfonie danach. Mahler bewegte sich eben nicht im Kosmos der Zeit, sondern im Mahler-Kosmos. Das Orchester, inzwischen aus nachvollziehbaren Gründen hemdsärmlig, bahnte sich mit seinem eleganten, lebhaften Dirigenten gemeinsam den Weg, mehr durchhörbar und sorgsam als urgewaltig. Die unfassbaren Wechsel zwischen Walzern, Ländlern und gellenden Einschlägen kamen umso eindrucksvoller zur Geltung, das gespenstische Erlöschen des Klangs am Schluss des 3. Satzes oder die im Eberbach-Hall geradezu gesundheitsgefährdenden Trommelschläge.

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