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Zoom Gift und Galle, alle gegen alle

Das Berliner Duo Zugezogen Maskulin macht in Frankfurt schwer was los.

Zugezogen Maskulin live auf dem Reeperbahnfestival 2017 Hamburg 23 09 2017 Foto xI xSchifflerx xFu
Zugezogen Maskulin, hier bei einem Auftritt in Hamburg. Foto: Michael Reimers (imago stock&people)

Was für eine Wucht von einer Show! Zugezogen Maskulin sind das Phänomen der Stunde im politisch motivierten deutschen Rap – und man traut es ihnen zu, dauerhaft Bestand zu haben. „Ende der Gemütlichkeit, hallo Gift und Galle/Ab jetzt heißt die Parole wieder ,Alle gegen alle‘“: Der Titelsong ihres im Herbst 2017 erschienenen dritten Albums, mit dem das Berliner Duo auch das Konzert im ausverkauften Frankfurter Zoom eröffneten, liefert gleich mal einen treffgenauen Bericht zur Lage. „Die Geschichte ist noch nicht zu Ende, doch wir haben vorgeblättert / Auf den nächsten Seiten wird das Scheißbuch leider auch nicht besser“, heißt es da weiter.

Schwarze Poloshirts mit roten Randstreifen, dazu strenge Brillantinefrisuren, das ist die Maskerade, die Moritz Wilken und Hendrik Bolz, beide Jahrgang 1988, ihren Kunstfiguren Grim104 und Testo haben angedeihen lassen. Der Zerfall der Gesellschaft samt Rassismus und dem Zulauf zu AfD und Pegida, das ist das große Thema der Songs vom neuen Album.

Die Texte sind launige, intellektuell hochgradig satisfaktionsfähige – findet hier Matthias Beltz seine Nachkömmlinge, und nicht im Kabarett? – Befunde zur Zeit. Gesellschafts- und Kapitalismuskritik, garniert mit einem ironischen Prollfaktor, mit viel galligem Humor. Protest ohne Erlösungsversprechen. Ein Reich des bösen Guten im Hip-Hop, ein Gegenentwurf gegen die wahren Prolls um Kollegah & Co..

Die Beats, gelegt von dem grandiosen, gelegentlich mit der Violine hervortretenden Produzenten Kenji451, sind erste Sahne. Basslastig und entspannt groovend, mitunter mit Bezügen zum Trip-Hop, auch elegisch angelegte Nummern gibt es; in den Refrains zu einigen Liedern wird Testos Stimme mit Autotune gepitcht, da lässt der aktuell grassierende Trap-Rap grüßen, der Effekt wird glücklicherweise nicht zu Tode geritten. Alles stilsicher. Zum Protest wider die „Guccibauchträger“ und um einen angeblichen „Fettschämer“ im Saal zu outen, fordern Grim104 und Testo – beide selber schlank mit markantem Bauchansatz – ihr Publikum mit ausgelassenem Erfolg zu einem Freilegen der betreffenden Zone samt Trommeln auf selbiger auf. Eine subversive Spaßigkeit gegen den Konformitätsdruck in Sachen Selbstoptimierung.

Zwei Assistenten bringen Konfettiwummen in Anschlag; gegen Ende halten Grim104 und Testo selber Sektpullen-MPs ins Publikum. Mit gewitzt scharfsichtigen Texten allein ist kein großes Publikum zu ködern. Mit einer anständigen Sause schon.

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