Lade Inhalte...

Zeitgenössische Oper Der Moment der Wahrheit

Irène Némirowskys Roman "Le Bal" gab die Vorlage: Matthew Jocelyn inszeniert an der Hamburgischen Staatsoper im Rahmen der "Trilogie der Frauen" Oscar Strasnoys Oper "Le Bal". Von Jürgen Otten

09.03.2010 00:03
Jürgen Otten
Eher Ekstase als Panik vorm letzten Weg zum finalen Ziel. Foto: dpa

Arme Antoinette. Hockt da, während Gouvernante Betty ein irisches Liebeslied trällert, am Schreibtisch, in ein scheußliches Kleinmädchenkleid gesteckt, und wirkt so unglücklich wie ein Backfisch nur wirken kann, dem die Tür zum Leben Tag für Tag vor der Nase zugeschlagen wird von einer selbstsüchtigen Mutter. Wie trostlos ist zuweilen das Dasein. Doch sogleich tut sich ein Spalt in Richtung Leben auf. Mama will einen Ball geben. Schon sieht sich Antoinette in feiner Robe, ein Glas Champagner in der Hand, umschwärmt von jungen Galanen. Ein Traum, der sich in Irène Némirowskys Roman "Le Bal" in einen Albtraum verwandelt. Denn um sich zu rächen, lässt Antoinette die Einladungen an die Pariser Hautevolee, die sie auf Befehl der neureichen Eltern schreiben muss, in die Seine flattern - bis auf eine, die sie ihrer Klavierlehrerin in die Hand drückt.

Aus diesem Sittenporträt filtrierte der Regisseur Matthew Jocelyn ein operntaugliches Libretto; Oscar Strasnoy vertonte es für die Hamburgische Staatsoper, wo "Le Bal" jetzt uraufgeführt wurde, in Jocelyns geistreicher Regie und als Mittelstück eines Triptychons mit dem Titel "Trilogie der Frauen". Komponist und Regisseur entgingen der Falle, dem Abend die Autobiographie von Irène Némirowsky einzuschreiben. Beider Aufmerksamkeit gilt in "Le Bal" der Psychologie der Figuren und hier insbesondere dem Mutter-Tochter-Konflikt.

Strasnoys Musik entblättert das mit einer Vielzahl an Ideen, mit Esprit und einer nuancierten Charakterisierungskunst. Eklektisch, doch höchst virtuos tänzelt der 39-jährige Argentinier durch die Musikgeschichte, nimmt hier ein Zuckerl, da ein Schmankerl, dort einen Viertakter, fügt aber das Ganze zu einer Komposition, die ganz ursprünglich seine Handschrift trägt.

Für die Sänger ist Strasnoys totale Theatermusik, die von den Hamburger Philharmonikern unter der Leitung Simone Youngs charmant dargeboten wird, eine Fundgrube. Der darstellerisch phänomenalen Miriam Gordon-Stewart (Mutter Rosine) etwa hat er herrlich überkandidelte Arabesken in die Partitur geschrieben: die ganze Überspanntheit der Figur kommt darin zum Ausdruck. Auch Miram Clark (Mademoiselle Isabelle) und Vater Alfred (Peter Galiard) dürfen sich durch ihr komplettes Register hindurchglucksen, dass es eine Wonne ist. Besonders delikat verfährt Strasnoy mit dem Moment der Wahrheit. Alles ist gedeckt, alle sind trunken vor Erwartung - und keiner kommt. Wie eine Kabarett-Truppe sitzt auf der Bühne von Alain Lagarde die bestellte Musikkapelle, hebt einen Charleston an, einen Foxtrot, bricht nach wenigen Takten ab. Rosine jagt alle aus dem Haus - außer ihrem Gatten, der selber das Weite sucht, und Töchterchen Antoinette, die die Mutter zu trösten versucht, ganz Unschuld vom Lande.

Ein Genuss. Der allerdings in ein dramaturgischs Konzept eingebunden ist, das nicht wenige Premierenbesucher irritierte. "Le Bal" figuriert als amüsierendes Intermedium zwischen den Einaktern "Erwartung" von Arnold Schönberg und Wolfgang Rihms "Das Gehege", zwei Bühnenwerken von entschieden dramatischem Zuschnitt. Und obschon Regisseur Jocelyn Zusammenhänge behauptet und Bühnenbildner Lagarde diese These in seinem variablen Einengungsraum untermauert, lässt sich die Glaubwürdigkeit des Abends eher dialektisch begreifen.

Das Wesentliche, als das wir "Erwartung" und "Das Gehege" erfahren, nämlich als Seismographie tiefreichender seelischer Regungen, wird hier durch das zwar Grandiose, aber doch Unwesentliche ("Le Bal") in seiner Wesentlichkeit noch sichtbarer, erlebbarer. Vor allem so schlüssig, wie es Jocelyn ausdeutet.

Schönbergs Monodram spielt in einer Todeszelle in den USA. Alles ist Funktion, Ablauf, Prozess. Die Frau, von Deborah Polaski mit großer Eindrücklichkeit gesungen und gespielt, hat ihren Geliebten im Affekt getötet. Jetzt durchlebt sie ihre letzten Stunden, begleitet von zwei Ärzten und zwei bewaffneten Helferinnen. Sie vibriert. Sucht Haltepunkte, ergründet ihr Wesen, fixiert Angelpunkte, erinnert sich, findet sich aber kaum mehr in sich selbst, gerät, während sie auf den elektrischen Stuhl gesetzt wird, vielmehr zusehends in Ekstase.

Im Graben, nach anfänglicher Unstimmigkeit, der gleiche Prozess: synonyme Steigerung der Empfindung, Vergrößerung der Klangdramatik, bis hin zur Explosion kurz vor dem Todesschock.

Das gleiche Bild im ähnlichen Stück: Rihms "Das Gehege" schließt an Schönbergs "Erwartung" an. Denkt es weiter und verdichtet die Spannung. Da ist weit mehr Klangmasse als bei Schönberg, doch die "Frauen" ähneln sich, nicht nur wegen ihrer Namenlosigkeit. Beide kämpfen mit ungleichen Gegnern. Hier, im "Gehege", ist es das stumme wilde Tier: der mythisch angewehte Adler (Marco Stickel), den die Frau (Hellen Kwon, mit starkem Espressivo) aus dem Zoo zu befreien sucht, um sich ihm und ihn sich anzuverwandeln. Am Ende aber ist die Frau allein, umgeben von rostigen Mauern. Für die "Trilogie der Frauen" gilt anderes: ein gewinnbringender Abend.

Hamburgische Staatsoper, 10., 14., 23., 26. März. www.hamburgische-staatsoper.de

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen