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Windsbacher Knabenchor in der Alten Oper Kaltblütige Sprungbereitschaft

Bachs h-Moll-Messe in der Alten Oper Frankfurt, überragend auch dank des Windsbacher Knabenchors und vorzüglicher Solisten.

12.10.2016 16:30
Bernhard Uske
Die Alte Oper Frankfurt. Foto: Alex Kraus

Bach im Großen Saal der Alten Oper Frankfurt, das ist im klassisch-romantischer Besetzungsrahmen ebenso wie unter historisch informierten Vorzeichen problematisch. Das eine Mal wird der Raum zwar akustisch gefüllt, dafür aber Bach unangemessen korpulent. Das andere Mal in passend kleiner Besetzung ist Schwachbrüstigkeit das Resultat.

Jetzt erlebte man bei der h-Moll-Messe die guten Seiten der beiden musikalischen Bach-Körperschaften. Zwar sah es erst ganz nach der korpulenten Lösung aus, denn 80 Choristen und ein eher größer besetztes Orchester betraten das Podium. Aber die 1995 gegründeten Deutschen Kammer-Virtuosen Berlin, die sich aus Solisten des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin zusammensetzen, spielen Alte Musik auf neuen Instrumenten, was originalklangliche Schlappsaiten- und Hechelbläser-Atmosphäre durch dynamische Kontraste, sprechende Artikulation und strukturelle Differenz ersetzt.

Homogenität der Timbres

Und die 80 Sänger: das waren diejenigen des Windsbacher Knabenchors, der mit der Geschlechtsbezeichnung im Namen auch schon das historisch vollkommen Korrekte benennt, das beim Räsonnieren über authentische Bach-Aufführungen gern unterschlagen wird. Es sangen im kirchlichen Raum zur Bach-Zeit nur Männer und die eben auch die Soprane und Alte. Das Schöne dabei heute: statt dadurch irgendeinen Mangel hinnehmen zu müssen, erlebt man einen Klangkörper, der in der Homogenität seiner Timbres Helligkeits- und Dunkelwerte im bruchlosen Kontinuum oder in trennscharfen Kontrasten ohne Schärfen erzeugen kann.

Es war überragend, wie Martin Lehmann die teilweise sehr jungen Knaben zur Exponierung und in forcierten Passagen zu kaltblütiger Sprungbereitschaft animierte. Genauso bezwingend war das interpretatorische Konzept, das die hochfahrenden und niedergehenden Intonationen im höchst farbigen Orchester samt dem eingebundenen Chor-Kollektiv unmittelbar gestisch (etwa bei den Hammerschlägen des „Crucifixus“) umsetzte. Gespielt und gesungen wurde in sehr raschem Tempo – nicht huschend, sondern mit klangsprachlichem Resultat.

Sopran- und Altsolo waren mit Sängerinnen besetzt: Dorothee Mields mit leichtem Sopran strich das affektive, bewegte und anrührende Moment treffend heraus. Rebecca Martin bot im „Agnus Dei“ gefassten und klar geführten Bitt-Ernst. Exzellent waren Tenor und Bass von Julian Prégardien und Andreas Wolf: Souveränität, Appellfunktion und anredende Stimmhaltungen makellos verkörpernd.

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