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Wiesbaden Sieben Werke, nein, zwei

Der großartige Pianist Grigory Sokolov tritt im Kurhaus Wiesbaden auf.

Grigory Sokolov
Grigory Sokolov im Wiesbadener Kurhaus. Foto: RMF/Ansgar Klostermann

Drei Haydn-Sonaten und vier Impromptus von Franz Schubert umfasste das Programm des Klavierabends Grigory Sokolovs beim Rheingau Musik Festival, wo der öffentlichkeitsscheue und publikumsspröde Künstler seit 2013 alljährlich gastiert.

Das Publikum nicht nur dort liebt Sokolovs mechanisch wirkendes und insgesamt abgeschottetes Auftrittsverhalten. Aber natürlich auch das dahinter zum Vorklang kommende Spiel, das ein großartiges Maß an Dichte, Lockerheit und Beherrschung der Tastatur hat, dem zugleich alle Grade der Virtuosität zur Verfügung stehen.

Dazu gesellen sich strikt in der ästhetischen Sache begründete Darstellungsformen, die jetzt im Wiesbadener Kurhaus das gesamte Programm letztlich auf zwei Werke konzentrierte. Ohne auch nur eine Sekunde Pause dazwischen, wurden drei in Molltonarten verfasste Sonaten Joseph Haydns gespielt. Exzellent auf Anschlussfähigkeit hin zusammengestellt, so dass man von einer originellen Sonaten-Suite sprechen konnte. Eine achtsätzige, denn die g-Moll-Sonate Nr. 32 umfasst nicht, wie die beiden anderen (Nr. 47 und 49) drei, sondern lediglich zwei Sätze.

Typische Sokolov-Konzerte

Haydn ist, zusammen mit Mozart, einer der wenigen Komponisten, die Doppelbödigkeit und Witz zu gestalten wissen – im Gegensatz zu den gänzlich humorlosen Beethoven und Schubert etwa. Sokolov, den man eher letzteren Künstlern zuordnen würde, bot einen zwar belebten und perlenden, aber doch moll-gerecht beschwerten, eingegrauten, mit viel abfließender Gestik versehenen Verlauf.

Der Sonaten-Suite folgte die Impromptu-Sonate: Schuberts vier Impromptus op. posth. 142 waren analog zu Sokolovs Haydn-Konzept zusammengezogen worden. Der Pianist hatte sich Robert Schumanns Urteil angeschlossen, hier liege eine verkappte Sonate vor. Nach Schumann zwar eine dreisätzige, denn auf das B-Dur-Impromptu könne man gut verzichten. Das aber schien Sokolov nicht so zu sehen, und das Verlaufsergebnis gab ihm Recht. Keine Frage, dass hier ein Höchstmaß an artikulatorischer Finesse, aber auch so etwas wie typische, durchbrochene Arbeit sonatenhauptsatzförmiger Dichte vermittelt wurden. Wenn eben auch in jener variativen Linearität, mit der das Beethovensche Form-Über-Ich konstruktiv von Schubert unterlaufen werden konnte.

Typischerweise sind Sokolov-Konzerte Sechs-Zugaben-Konzerte, und so waren es hier Werke von Schubert, Rameau, Ravel, Chopin, mit denen der allseits Verschlossene seinen Dankbarkeits-Obolus entrichtete. Interessant, dass „zu privaten Zwecken“ das Podium mit vielen Kameras und Mikrophonen bestückt war: auch der Musiker der „mystischen Intensität“ (Programmheft) kommt offensichtlich an profanen audio-visuellen Kontroll- und Darstellungsmechanismen nicht vorbei.

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