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Wiesbaden Musik, die etwas will

Ein Solitär in der Festival-Landschaft: Die 13. Ausgabe des zweitägigen Just Music Beyond Jazz.

Alles ist in nervöser Bewegung, unruhig, auf dem Sprung. Der Rhythmus zerbröselt in unzählige Mikroeinheiten, die Christian Lillinger seinem Schlagzeug abfordert. Dafür hat er selbst seine Becken erbarmungslos abgewürgt, weil man nackte, abgehackte Klangpunkte eben noch schneller, noch komplexer kombinieren kann, als das mit Klangflächen möglich wäre.

Das Maß an Dynamik und Diversität, das Lillinger dabei offenbart, ist atemberaubend. Der 33-Jährige, dem vor kurzem der SWR Jazzpreis zugesprochen wurde, ist einer der herausragenden Schlagzeuger seiner Generation – einer, der Musik von Innen heraus mit schierer Energie befeuert, rastlos und zugleich unglaublich präzise.

Punkt.Vrt.Plastik heißt sein neues Trio, mit dem er nun beim Just Music Beyond Jazz Festival in Wiesbaden zu Gast ist. Die in Amsterdam lebende Slowenin Kaja Drachsler sitzt links am Flügel, in der Mitte steht Petter Eldh, auch er ein Kraftwerk, am Bass. Doch die Musik ist hör- und sichtbar vom Schlagzeug aus gedacht. Wie ein Magnet zieht Lillinger die Blicke auf sich, er durchlebt sein vertracktes Spiel auch körperlich – vermutlich würde es sogar Spaß machen, ihn gar nicht zu hören, sondern nur zu sehen. Drachsler ist sehr klug beraten, da nicht mithalten zu wollen. Sie setzt Lillingers instrumentalem Theater – quasi als maximalen Kontrast – eine überraschend bedachte, fast beschauliche erzählerische Einfachheit entgegen.

Lillinger ist in den letzten Jahre eine Art Stammgast in Wiesbaden geworden. Auch deshalb wendet er sich kurz an das Publikum. Er dankt den Just-Music-Kuratoren Raimund Knösche und Uwe Oberg nicht einfach nur für die Einladung, sondern vor allem dafür, dass man hier ausdrücklich die „Erlaubnis“ habe, „zu tun und zu machen, was man will“. Wer nur ein bisschen über die Lage des zeitgenössischen Jazz informiert ist, weiß, dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Tatsächlich hat sich Just Music im letzten Jahrzehnt zu einem Solitär in der deutschen Festivallandschaft entwickelt, weil hier ganz selbstverständlich gegenwärtige Musik völlig unterschiedlicher Prägung ein Forum findet. Viel entscheidender als die Frage, ob das noch Jazz oder doch eher schon längst Beyond, ist die Haltung, mit der hier musiziert wird. „Die Musik muss etwas wollen“, beschrieb Uwe Oberg schon vor Jahren die Just-Music-Idee.

Je drei Sets an zwei aufeinanderfolgenden Tagen, vor inzwischen mit mehr als 200 Zuschauern immer vollem Haus im Kulturforum Wiesbaden. Das Festival eröffnete der Kurator und Pianist Oberg selbst, gemeinsam mit Jörg Fischer am Schlagzeug und Heinz Sauer am Saxofon. Wie selbstverständlich sie sich dabei in den Zwischenräumen von Komposition und Improvisation bewegen, wie natürlich fließend sich das Ensemblespiel aufsplittet, in ein kurzes Duo von Klavier und Schlagzeug, wie ein einzelner Impuls vom einen gesetzt und den anderen weitergetragen wird, das ist ungemein schön zu hören. Und zugleich gewinnt die Musik der drei in einem von Sauer komponierten Stück namens Hafenrundfahrt eine spirituelle Kraft, die an Coltrane und McCoy Tyner erinnert.

Ohnehin ist die große Geschichte des Jazz dann doch immer wieder präsent. Mal ganz konkret, wie im Trio von Ellery Eskelin, Michael Griener und Christian Weber, in Form von uralten Gassenhauern wie „Shreveport Stomp“ von Jelly Roll Morton. Oder ganz subtil, wie in Eve Rissers White Desert Orchestra, das in Größe und Besetzung an die Big-Band-Tradition anknüpft, sie nur völlig neu denkt, als vielfarbigen, hoch komplexen und zugleich lustvoll-hedonistischen, bildhaften Organismus.

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