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Wiesbaden La Bohème Tod auf dem Karussell

Thorleifur Örn Arnarsson zeigt seine so üppige wie flaue „Bohème“ am Staatstheater Wiesbaden.

Mimis Tod. Foto: Karl-Bernd Karwasz

Unter Teilen des Wiesbadener Publikums hat es Unmut darüber gegeben, dass der neue Intendant Uwe Eric Laufenberg die vorangegangene, fast 30 Jahre alte „La Bohème“-Produktion zugunsten einer neuen abgesetzt hat. Nun ja. Es ist für eine Wiesbadenerin nicht einfach, das nicht als wiesbadenerisch wahrzunehmen. Man sollte solche Schlüsse aber vermeiden.

Nun also eine Neuproduktion. Sie ist nicht ganz neu und stammt aus Augsburg. Darüber wäre noch vor wenigen Jahren ebenfalls viel geredet worden. Heute ist es positiv, wenn es einem Intendanten gelingt, rasch einen Spielplan aufzubauen. Auch hat Thorleifur Örn Arnarsson, Leitender Regisseur für Oper und Schauspiel, seine Inszenierung überarbeitet. In Eile kann er eigentlich nicht gewesen sein.

Ein seltsames Teil steht nun jedoch vor uns. Über Strecken und in der Personenführung konventionell bis ins Mark. Optisch aber angereichert mit etwas Zusatzstatisterie hier und da. Einem stelzenlaufenden Kellner, der in der Dachwohnung regelmäßig serviert. Einigen schlaffen Mädchen, die mit dem Essen angeliefert werden.

Dazu hängt an der Wand der Künstlerbude ein Karl-Marx-Porträt, das fürs letzte Bild mit einem Steve-Jobs-Porträt ausgetauscht wird. Dazu steht auf der anderen Seite der Drehbühne als Putz ein prächtiges altmodisches Karussell (Bühne: Jósef Halldórsson).

Es ist der Mittelpunkt nicht nur des großen Weihnachtstrubels, sondern auch des Sterbens von Mimi. Auf dem Karussell warten bereits zuvor aufgetretene ernste Frauen in Schwarzweiß (opulente Kostüme: Filippía Elísdóttir) wie Todesbotinnen darauf, dass Mimi auf einem Pferd Platz nimmt. Eine solche Mischung aus Kitsch und Walküren-Verschnitt bekommt man nicht alle Tage geboten.

Auch nicht eine Inszenierung, in der Ideen vereinzelt auftauchen, ohne dass sich ein Zusammenhang auftäte. Anders etwa – dies vielleicht zum Stichwort Marx/Jobs – als in Andrea Moses’ aktueller und zumindest wild diskutierbarer kapitalismus- und kunstmarktkritischer Stuttgarter „Bohème“.

Zum schönsten Liebesduett trappelt der Chor

Dass der Chor noch während der Schlussphase des ersten Bildes sicht- und hörbar auf der Karussellseite herumklettern und seine Plätze einnehmen muss, ist fast schon eine Unverschämtheit gegenüber der Musik.

Denn die Musik ist gut. Zsolt Hamar dirigiert einen unsentimentalen, aber von der Fülle des Wohllauts geprägten Puccini, nicht flott, aber zupackend. Jung und für das Wiesbadener Haus gelegentlich fast zu üppig die Stimmen. Sophia Christine Brommers Mimi dabei zunächst sogar deutlich zu üppig und abgedunkelt, eine Tragödin, die mit Sicherheit im Leben keine Blume gestickt hat. Mit zunehmendem Handlungsverlauf passt das aber immer besser. Auch steht Mimi, wie angedeutet, ohnehin im Zentrum eines Missverständnisses. Ihre Rückkehr als Sterbende zeigt sie Lady-Macbeth-haft verwüstet.

Ihr Partner, Marco Jentzsch als Rodolfo, singt sich gut hinein, wird mutiger, wird italienischer. Müsste Mimi nicht in Richtung Karussell schwanken, wäre das Finale ganz groß. Groß tatsächlich das Gegenpaar Marcello und Musetta, Christopher Bolduc und Heather Engebretson, beide stimmlich und körperlich von becircender Beweglichkeit. Young Doo Park knäult klassisch seinen Mantel zur profund dargebotenen Mantel-Arie.

Einzelne Buhs bezogen sich wohl eher auf die Entscheidung, eine neue „Bohème“ zu zeigen, als auf die neue „Bohème“ selbst. Deren flaue und dekorative Aspekte hier insofern anscheinend als innovativ durchgingen.

Staatstheater Wiesbaden: 17., 19., 23., 26., 30. Oktober.

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