Lade Inhalte...

Wendy Bevan "Rose & Thorn" Echos in Wendy Bevans Welt

Die Temper-Temper-Frontfrau mit einem Solo-Debütalbum namens "Rose & Thorn", das so modern wie retro sein will.

Rose ist ihr zweiter Vorname: Wendy Bevan unter Blumen. Foto: Kristin Cofer

Die Bezeichnung so manchen Musikgenres wird im Laufe der Jahre ja immer unpassender. Das trifft in hohem Maße auf die Neue Deutsche Welle zu (trotz neuerlicher Spritpreis-Aktualisierung in Markus’ ZDF-Hitparaden-Gassenhauer „Ich will Spaß“) und definitiv auch auf alles, was New Wave hervorgebracht hat. Beide Genres standen vor gut 30 Jahren noch für die Erneuerung, die innovative Strahlkraft der unter ihnen subsummierten Musik. Heute wirken sie so schrullig wie die eigene Großmutter mit rot verspiegelter Wayfarer auf der Nase.

Bis heute ist der Einfluss beider Genres in der Popkultur spürbar. Während die kommerzielle Schaumkrone der Neuen Deutsche Welle lautstark an die Bierbäuche der Urlauber in El Arenal brandet, ist der verkopftere New Wave in Techno und Elektro aufgegangen. Künstler wie Depeche Mode haben einen langen Weg von New Wave bis hin zu Elektro-Pop beschritten, New Order, Anne Clark oder Malaria! tauchen in der jüngeren Clubmusik als Stichwortgeber wieder auf. Und zwar immer dann, wenn Techno und House so innig um sich selbst kreisen, dass von innovativer Strahlkraft keine Rede mehr sein kann. Es ist mal wieder so weit.

„Die Leute haben die Schnauze voll vom Highway-Techno, bei dem man stundenlang den selben Beat hört. Die elektronische Musik wartet auf eine Rock’n’Roll-Revolution. Und die kommt in den nächsten Jahren von EBM, Post Punk und New Wave“, prognostiziert der französische Techno-Superstar Arnaud Rebotini im Gespräch. Der Pariser Künstler, Jahrgang 1970, hat sich mit Projekten wie Black Strobe und auch seinen Solo-Alben daran beteiligt, diese Revolution anzuzetteln. Und auch sein jüngstes Werk, ein Remix des Stücks „Sweet Dedication“ der britischen Künstlerin Wendy Bevan, zielt in diese Richtung. „Wendy wirkt auf mich, als sei sie einem David-Lynch-Film entsprungen. Sehr underground, sehr verstörend, große Gesten und von großer künstlerischer Tiefe“, sagt Rebotini.

Ein Spiel mit Symbolik

Produziert wurde das Solo-Debüt-Album der ehemaligen Temper-Temper-Frontfrau Bevan von Rebotinis langjährigem Weggefährten Marc Collin – dem Mastermind der New-Wave-Band Nouvelle Vague. Auch Collin spürt den wachsenden Einfluss von New Wave und Post Punk in der elektronischen Musik. „Ich glaube allerdings, dass diese Einflüsse, die ja auch Kern der elektronischen Musik sind, immer da waren, mehr oder minder präsent. Sie nehmen jetzt nur wieder mehr Raum ein“.

Zu diesem Zeitpunkt sei es für ihn logisch gewesen, mit Wendy Bevan in den von ihm betriebenen, legendären Kwaidan Studios in Paris ein Album aufzunehmen. „Wendy ist in allem, was sie darstellt, die richtige Person zur richtigen Zeit“, so Collin. Ihr Spiel mit der Symbolik und den Codes der Gothic-Kultur, ihre gesamte Aura, erinnere in hohem Maße an Bands wie Suicide, Siouxsie and the Banshees und Joy Division. Die Gothic-Szene in Europa werde wieder größer statt kleiner, verlange wie die Techno-Szene auch nach Innovation. „Um das aufzugreifen, die Genres wieder mehr zusammenzuführen, habe ich das gesamte Album mit einem Jupiter-8 und anderen Klangerzeugern aus den 80er Jahren aufgenommen. Das macht das Album modern und retro zugleich“, so Collin. Sein Ziel sei gewesen, ein Album zu produzieren, das so auch im Underground der 80er Jahre hätte erscheinen können – aber mit heutiger Studiotechnik.

Collin glaubt, dass Bevans Album das Potenzial hat, Genregrenzen zu sprengen. „Eine erfolgreiche Band hat immer einen starken Künstler an Bord. Jemanden mit Charakter, mit Attitüde. Wendy hat das alles – und Bands mit solchen Künstlern sind die Bands, die überleben“, sagt Collin. Er habe Bevans Album zwar produziert und es trage seine Sound-Handschrift, der künstlerische Kosmos sei aber das, was auch Rebotini als „Wendy’s World“ bezeichnet. Und von dem sie einräumen, nur Teile durchdrungen zu haben.

Das Eintauchen in Wendys Welt gleicht einer psychedelischen Schnitzeljagd. Das düster-melancholische Album mit dem Titel „Rose & Thorn“ strotzt vor Verweisen auf ihre bisherige Arbeit und mystischer Symbolik. Bevan erzeugt auf diese Weise einen assoziativen Strudel. „Ich habe schon immer meine eigenen Welten erschaffen, weil ich mich nicht als Teil dieser Welt fühle“, sagt Bevan. Sie erlebe ihre Welt als ein Theater, ein Panoptikum aus Bildern und Tönen. „Meine Stimme ist hierbei stets das Echo meiner Emotionen und meines Charakters. In meinen Songs erzähle ich meist Geschichten voller Doppeldeutigkeiten. Das alles ist sehr surreal und oft von autobiografischen Ereignissen inspiriert. Von den Reisen, auf die ich mich als Frau begeben habe.“

Obwohl Bevan mit ihren Fotografien vor und hinter der Kamera ihre bisher größten Erfolge gefeiert hat – mit Fotostrecken für „Vogue“, „ID“, „Harper’s Bazaar“ und anderen Magazinen –, hat sie die Musik als derzeitigen Schwerpunkt ihrer Arbeit definiert. Doch bei ihren Auftritten mit Temper Temper bereits hat sie über Videowände und Projektionen ihre Fotografien in die Show integriert und so für weitere Echos gesorgt.

Bezug auf den Schwarzmagier

Eine Schlüsselrolle auf dem nicht minder surrealen Album „Rose & Thorn“ kommt dem bereits erwähnten Stück „Sweet Dedication“ zu. Geschrieben habe sie es nach der Lektüre des „Buches der Lügen“ des selbsterklärten Schwarzmagiers Aleister Crawley; unter anderem beschäftige sie sich hier mit der Komplexität der Weiblichkeit vor dem Hintergrund des modernen Bilds weiblicher Identität. „Durchtränkt von der Theatralik des inneren Bewusstseins und zerbrochener Träume, imitiert der Song den Inbegriff von Geisteskrankheit, Schuld und inneren Zwängen“, erklärt Bevan. All die Frauen, auf die sie sich hier und in ihrem gesamten Schaffen beziehe, stünden symbolisch für eine „Halluzination ihrer selbst“.

Ihr sei bewusst, dass diese Frauen nur Hirngespinste sind. Genauso sicher sei sie, dass „weder Glaube, noch Hoffnung oder Freude in der realen Welt existieren. Deshalb suche ich mein Seelenheil in dieser trostlosen Traumwelt. Ich bin auf der Suche nach dem Sinn in der Welt, in der ich lebe.“ „Sweet Dedication“ sei angesichts dessen zwar „kein religiöses Stück, spielt aber mit religiöser Ikonographie“, sagt Bevan, die sich – in Anlehnung an Crawley – unter anderem kabbalistischer Symbole bedient, um ein weiteres Echo zu erzeugen.

Diese Echos finden sich zum Beispiel im Video zu „In Ghosts We Trust“, einem weiteren Stück auf dem Album, in dem Bevan in einem scharlachroten Kleid zu sehen ist. Hierbei spielt sie auf die sagenumwobene Gruppe der Scharlachroten Frauen an, die als Medien für Crawley fungierten. Ihre spirituelle Stärke entsprang laut Crawley aus der „Schönheit ihrer Kunst und der Kraft ihrer Lust“. Die wichtigste dieser Frauen war Crawleys Lebensgefährtin Rose Edith Kelly – ein weiteres Echo im Albumtitel. „Und zugleich zu mir selbst. Rose ist mein zweiter Vorname“, verrät Bevan. Rose und Dorn bezögen sich allerdings nicht direkt auf Crawley. „Damit assoziiere ich Lust, Liebe und Schmerz. Es ist die samtweiche Rose, die sich selbst mit den schmerzhaften Dornen kontrastiert.“

Dass sie mit dieser mystisch-erotischen Symbolik vor allem die Goth-Szene anspricht, sei ihr bewusst – und ganz recht. „Ich fühle mich natürlich keiner Szene zugehörig, mich aber bei den Goths sehr wohl“, sagt sie. Dennoch freue sie sich darauf, auch in Techno-Clubs aufzutreten und spätestens dort die Genre-Grenzen zu sprengen.

Wendy Bevan: Rose & Thorn. Kwaidan Records (ET 9. September)

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum