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Uwe Oberg Immer ist er frei genug

Und fast ist es, als höre er den Dingen zu: Zwei Solo-Alben des famosen Jazzpianisten Uwe Oberg.

03.12.2015 15:47
Tim Gorbauch
Uwe Oberg, der Querständige. Foto: Julia Kneuse

Wer begreifen will, wieso Uwe Oberg ein so wunderbarer Jazzpianist ist, braucht dafür 4 Minuten und 12 Sekunden. So lange dauert „Hill“, das Eröffnungsstück von Obergs neuem Soloalbum „Work“. Es ist, wie so vieles bei Oberg, äußerlich völlig unspektakulär, von allen Posen, auch denen des Free Jazz, befreit. Fast beiläufig setzt ein Thema ein, das harmonisch und strukturell auf die Jazzgeschichte verweist, sie aber querständig weiterdenkt. Und dann lässt Oberg sich Zeit. Fast ist es, als höre er den Dingen zu, die geschehen, ihren Verwandlungen und Verschiebungen. Seine kluge, auch klanglich offene Musik kommt ohne jeden Druck aus, und doch ist sie ganz präzise gefasst.

„Hill“, kurz nach dem Tod des amerikanischen Jazzpianisten Andrew Hill entstanden, ist eine Miniatur, in der sich, pathetisch gesprochen, eine ganz neue Form von Freiheit artikuliert. Eine Freiheit des Zulassens.

Träger des Jazzpreises

Von Uwe Oberg, 2007 Träger des Hessischen Jazzpreises, sind fast zeitgleich zwei neue Solowerke auf den Markt gekommen, eher ein schöner Zufall als bewusste Planung. Die Aufnahmen zu „Work“ liegen selbst schon sieben Jahre zurück, auch eine Jazzveröffentlichung braucht offenbar Zeit zur Reife. Es ist ein Dokument von Obergs elastischem Zugang zur Geschichte, vor der er sich hier verbeugt. Oberg spielt neben eigenen Stücken Mingus, Coleman, Coltrane, Monk und schließlich Fred Frith.

Oder besser gesagt: er spielt mit ihnen. Ihre Musik ist Ausgangspunkt, keine Zuflucht. Oberg bringt sie in Bewegung, denkt sich in sie hinein, bis sie oft nicht mehr als Note, sondern bloß noch als Haltung präsent ist. Selten passiert das ausufernd oder offensichtlich virtuos. Noch in den komplexesten Passagen ist da der Wunsch, klar und schlicht zu bleiben. Aber auch das inszeniert Oberg nicht als Dogma, immer ist er frei genug, auch genau das Gegenteil zuzulassen.

„Twice, At Least“, Obergs zweites frisch erschienenes Solowerk, versammelt Aufnahmen aus den Jahren 2012 und 2015. Die Musik greift zunächst ganz buchstäblich weiter aus, an die Ränder der Tastatur und ins Innere des Klaviers hinein. Doch der enge, fordernde Austausch mit der Geschichte bleibt. Diesmal sind es Annette Peacock, Carla Bley, Steve Lacy und wieder Thelonious Monk, denen er sich annimmt. Und auch aus deren Impulsen formt Oberg schließlich seine eigene musikalische Welt, die zu den besten gehört, was man derzeit im zeitgenössischen, der Geschichte und der Gegenwart verpflichtetem Jazz hören kann.

Uwe Oberg: Work. Hat Hut. Und: Twice, At Least. Leo Records.

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