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Uraufführung Philipp Glass Der Planet und die Hexe

Zurück bleibt eine gewisse Ratlosigkeit: Die Urauffühung von Philip Glass Oper "Kepler" in Linz ist wie die Musik - mechanisch, aus wenigen Grundelementen, übersichtlich verschraubt.

Unterm Metallgestänge. Foto: Norbert Artner

Die wichtigen Dinge geschehen oben: Da leuchten die Sterne, während wir unten auf der Erde unserem Tagewerk nachgehen. Die Sterne und vor allem die kreisenden Planeten zeigen derweil die Entscheidungen an, die für uns hinter unserem Rücken getroffen sind; es ist also sinnvoll, ihnen allergrößte Aufmerksamkeit zu widmen.

Bei der Uraufführung von Philip Glass´ Oper "Kepler", einem Kompositionsauftrag des Landestheaters Linz und der Kulturhauptstadt Europas 2009, blicken Chor und Solisten darum ständig nach oben und geben dem Bühnengeschehen einen somnambulen Grundton. So, wie Peter Missotten (Inszenierung, Bühne, Video) die Uraufführung gestaltet hat, weiß man hier von niemandem genau, ob er sich bewegt oder ob er bewegt wird. Das wird schließlich auch gerade von der Titelfigur erforscht.

Johannes Kepler lebte von 1612 an in Linz und war Professor für Mathematik an der Landschaftsschule. Hier entstanden sein Hauptwerk "Harmonices Mundi" und seine Planetentafeln, hier entwarf er die Verteidigung seiner Mutter vor einem Württembergischen Gericht, wo sie als Hexe angeklagt war. Klare Trennungen zwischen Mathematik und Theologie, Astronomie und Astrologie zu ziehen, war ihm nicht möglich, obgleich er unbeirrt an der Emanzipation des menschlichen Geistes von religiöser Bevormundung arbeitete. Er berechnete Planetenbahnen und wurde nach seiner Linzer Zeit unter anderem Astrologe im Dienste Wallensteins.

Philip Glass´ Oper nach einem Libretto von Martina Winkel zeigt im ersten Akt Johannes Kepler als faustischen Menschen, der erforschen will, was die Welt im Innersten zusammenhält, wofür nach seiner festen Überzeugung die Mathematik das Rüstzeug liefert. Im zweiten Akt wird der Mensch Kepler thematisiert, ein offenbar schwer erträglicher Mitmensch, der mit allen, die er kennt, über Kreuz liegt, der sich in einer astrologischen Selbstdiagnose als hündischen Charakter beschreibt und über dem am Ende die Menschheitskatastrophe des Dreißigjährigen Krieges zusammenbricht, die in den Sternen da oben so nicht vorgesehen war. Martina Winkels Libretto verwendet hier, in Ermangelung von Kepler´schen Original-Zitaten, ausgiebig Gedichte von Andreas Gryphius.

Martin Achrainer in der Titelpartie hat nur eng bemessene Gestaltungsspielräume. Eine Psychologisierung der Figur ist nicht vorgesehen, so bewegt sich Achrainer gemessen in einem ihn steif umgebenden Umhang auf der Bühne auf vorgegebenen Bahnen umher und schaut abwechselnd nach oben und, wenn es etwas singend mitzuteilen gibt, zum Publikum. Er singt deklamatorisch, meidet dynamische Nuancen (die von der Musik auch nicht geduldet, geschweige denn gefördert werden) und farbliche Schattierungen. Sein Gesang ist ein voluminöses, fest gefügtes Gleichmaß, das sich in die Konstruktion der Musik wie ein gut eingepasstes Bauteil fügt - so wie der Komponist das vorgesehen hat.

Mit ihm bewegen sich sechs weiß gewandete Figuren auf der Bühne, ein sechsfaches Alter ego Keplers und zugleich eine Repräsentation der Zahl sechs, dem numerischen Zentrum aller Geometrie und zugleich Anzahl der damals bekannten Planeten. Der Chor formt eine Art existenzielles Echo aus dem Hintergrund. Über allem schwebt der Himmel massig schwer und kupfern in Gestalt von sechs großen Polyedern. Im zweiten Akt erklärt er sich dann als Anhängsel einer umfangreichen und beweglichen Anlage aus Metallgestänge und Verschraubungen, die langsam auf die Bühne herabgesunken kommt.

Und so ähnlich ist auch Glass´ Musik gebaut: mechanisch und aus wenigen Grundelementen dicht, aber letztlich übersichtlich verschraubt, durch rhythmische Gliederung griffig gehalten und mit einer gewissen Ereignisdichte versehen, dabei mit jeder Geste wieder eine wuchtige, gleichgültige Harmonie der Welt in den Äther zeichnend. Selten nur, und am ehesten noch durch kleine Reibungen im Orchester, hört man, was für hohe Anforderungen weniger an Ausgestaltungsfähigkeiten als an mechanischer Präzision diese Musik dem Linzer Bruckner-Orchester abverlangt. Dennis Russell Davies sorgt in der musikalischen Leitung des Abends für eine transparente Klangbalance, die die Verschiebungs-Motorik und die massive Blockbauweise dieser Musik unverstellt abbildet.

Zurück bleibt eine gewisse Ratlosigkeit angesichts der Frage, welches große Thema diese Oper angehen will. Ihr Anliegen ist offenbar weder ein psychologisches noch ein naturwissenschaftliches. Sie sucht weniger eine Annäherung an ihren Protagonisten als eine Abbildung aus gleichmäßiger Entfernung, die sie allerdings im Gryphius-Teil des Librettos aufgibt zugunsten eines diffusen Schicksalsbegriffs: Während der Text die Richtung gewechselt hat, verharrt die Musik in ihrer erbarmungslosen Distanz und verdoppelt so das Dilemma, dem Kepler ausgesetzt war.

Jegliches Heldentum, jegliche Entscheidungsautonomie bleibt ihm versagt, als Subjekt bleibt er der Unterworfene. Das wäre lesbar als historische Deutung dieser Figur, auf der Bühne aber erscheint es als Folge der Musik- und Theatermaschinerie, die die minimalistische Ästhetik von Philip Glass seit je und immer wieder in Gang setzt.

Landestheater Linz: 23., 29. September, 4., 11., 20., 24., 27. Oktober. www.landestheater-linz.at

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