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Udo Lindenberg in Frankfurt Udo Lindenberg macht Panik! Panik!

Was für ein Spektakel: Der angeblich 70-jährige Musiker Udo Lindenberg völlig losgelöst von Raum und Zeit in der Frankfurter Festhalle.

Sonst trägt er aber einen ganz normalen Hut. Udo Lindenberg in Frankfurt. Foto: dpa

Die Sache mit der Panik ist auch nach mehr als 40 Jahren noch rätselhaft. Einerseits ist Udo Lindenberg so panisch, dass er seit 1973 mit einem eigens gegründeten „Panik-Orchester“ auf Tournee geht. Andererseits heißen diese Tourneen oft genug „Keine Panik!“, wie auch die laufende jetzt wieder.

Frankfurt jedenfalls, wo diese sensationelle Show an zwei ausverkauften Abenden Station macht, ist laut Lindenberg die „Keine-Panik-Expertenstadt“, wie er eingangs betont – um sie gegen Ende zur „Panik-Hauptstadt“ zu ernennen.

Rock’n’Roll und Freistil, yeah

Hinterher muss man sagen: Die einzige Panik, die im Zusammenhang mit Udo Lindenberg entsteht, ist die, dass das jemals aufhören könnte. Das verrückte Konzert, diese irre Karriere – egal, am liebsten soll es immer so weitergehen, denn jeder weiß: Udo ist der einzige Musiker, der cool genug ist, die uncoolen Sachen vor zehntausend Leuten einfach udomäßig rauszuhauen, die nun mal erwähnt werden müssen. Dass „die ewigen Kriege und die Volksverarsche“ beendet gehören, „yeah“; dass wir keine Grenzen wollen, sondern „ein geiles, großes Europa mit Rock’n’Roll und Freistil, yeah“, in dem „Angie nicht mit Erdogan rumeiern muss“; und dass es eigentlich traurig ist, Lieder wie „Sie brauchen keinen Führer (nein, sie können’s jetzt auch allein)“ aus dem Jahr 1984 immer noch spielen zu müssen. „Nazischweine“ kriegen an diesem Abend tausendfach den Mittelfinger gezeigt, und Udo findet es einfach geil, in der Stadt zu spielen, in der es Rock gegen Rechts gab, Rock gegen die Startbahn West – „so geil, was ihr hier am Start habt, mir geht echt einer flitzen, so geil ist das, yeah!“

Das muss man sich erst mal trauen. Und so eine Bühne auch. Als sie zu Konzertbeginn ein Ozeanriese wird, eine fantastische Videowand, von schwerer See gebeutelt, hat sich das Publikum schon abgewandt nach hinten, denn offenbar ahnen die meisten: Udo kommt mit der Seilbahn.

Durch die ganze Halle schwebt er, dazu das erste Lied, „Odyssee“, und auf der Bühne das Panik-Orchester. Immer drei bis vier Gitarristen, Steffi Stephan am Bass, zwei bis drei Keyboarder, Schlagzeug, Tänzerinnen, Sängerinnen ohne Ende, sogar eine Bar mit Keeper und Hockern ist da. „Ich mach mein Ding“, singt der Udo, „egal, was die anderen labern.“

Auf der Plattform am Ende des Laufstegs, wo sich der Mann mit Hut und Sonnenbrille und Röhrenjeans und Mikro (als einziger mit Kabel – zum Schleudern) meist aufhält, mitten im Publikum, da liegt ein Kissen. Das dämpft den Schmerz, wenn man sich alle fünf Minuten vor Leidenschaft auf die Knie fallen lässt. Es ist das einzige Utensil, das irgendwie darauf hindeutet, dass Udo Lindenberg im Mai 70 geworden ist. Vor ein paar Tagen war Elton John (69) an demselben Ort. Ein Unterschied wie Vater und Sohn.

Udo verspricht, hundert Jahre alt zu werden, und flippt dann weiter über die Bühne, die mal ein Schiff ist, mal das Hamburger Hotel Atlantic, in dem er seit mehr als 20 Jahren wohnt, mal ein Kino, er holt jede Menge Kinder dazu und natürlich jede Menge schöne Frauen, etwa zum Klassiker „Cello“, und jede bekommt ein Küsschen – aber jeder Kerl in seiner knackig gebliebenen Band ebenfalls. Jawohl, auf den Mund.

Illustre Gäste

Das entfesselte Publikum singt alles jubelnd mit, „Straßenfieber“, „Bodo Ballermann“, „Honky Tonky Show“, den „Sonderzug nach Pankow“ (mit Polonaise) und die „Bunte Republik Deutschland“ (mit Lokalmatador Daniel Wirtz) – mehr als 30 Lieder, drei Stunden lang, mit tollen Gästen. Und dann kommt auch noch Stefanie Heinzmann, die echte Stefanie Heinzmann, röhrt mit dem Udo „Ich brech die Herzen der stolzesten Fraun“, und der echte Axel Prahl gibt den Partner bei „Gerhard Gösebrecht“.

Zeitweise sind an die 50 Personen auf der Bühne – was für ein Spektakel. Die Leute: „Udo! Udo!“ Und Udo: „Frankfurt! Frankfurt! Panik! Panik!“ Und am Ende, als Udo im Raumfahreranzug die Halle verlässt, fliegt alles mit einem Höllenlärm, Feuer, Funken und Rauch in die Luft. Das tat mal gut.

Wenn also wieder jemand vor Panikmache warnen sollte: Einfach gar nicht erst ignorieren.

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