Lade Inhalte...

Tricky: Adrian Thaws Quasi sozial eingebettet

Im September gibt es Neues vom britischen Einzelgänger Tricky. Dem Album „Adrian Thaws“ gibt er seinen Klarnamen, dabei hat er sich noch nie so sehr dem Publikum entzogen wie diesmal. Er wolle sich weiterentwickeln, als Person wie als Künstler, sagt Tricky im FR-Gespräch.

Tricky mit Fluppe, passend zum Track "Nicotine Love", der zu seinem im September erscheinenden Album "Adrian Thaws" gehört. Foto: K!7/False Idols

Tricky gilt als cholerisch, als Diva, als einer, mit dem nicht gut Kirschen essen ist. Er lästert in Interviews schamlos über andere Rockstars, spielt an schlechten Tagen gerade mal 50-minütige Shows mit dem Rücken zum Publikum, schert sich einen Dreck um die Medien.

Tricky hat seine Menschenfeindlichkeit seit 1995, seit seinem legendären Debüt-Solo-Album „Maxinquaye“, in Musik übersetzt. Geschundene und Verlierer schreien sich ihre Verzweiflung aus dem Leib, zermalmt von druckvollen Basslines und zerrissen von verzerrter Gitarre. Musik für alle, die wie Tricky selbst mit den Menschen an sich nicht so viel anfangen können. Und das passt so vortrefflich zu seiner knarzigen, fast tonlosen Stimme mit dem unverkennbaren Bristol-Akzent, die sich anhört, als wiege sich eine Trauerweide im Sturm des Lebens.

War „Maxinquaye“ noch nach seiner Mutter Maxine Quaye benannt, die sich das Leben nahm, als er vier Jahre alt war, trägt das Anfang September erscheinende Album „Adrian Thaws“ den Klarnamen des heute 46-Jährigen – und damit das einzige, was ihm sein Vater hinterließ, den er nie kennengelernt hat. Dass Tricky darauf aber seine Abrechnung mit dem Leben präsentieren könnte, ist ein Trugschluss. Im Gegenteil: „Adrian Thaws“ ist inhaltlich das wohl unpersönlichste Album, das Tricky je herausgebracht hat. „Die Leute denken, sie würden mich kennen. Aber sie kennen einen Scheiß. Ich kann alles sein, was ich will, jeder Mann, jede Frau. Und weil ich nicht zu fassen bin, heißt das Album wie ich“, erklärt er.

Nicht nur inhaltlich, sondern auch kompositorisch entzieht sich Tricky auf „Adrian Thaws“ seinem Publikum, verlässt immer wieder die gewohnten musikalischen Pfade aus verschlepptem Triphop und Melancholie. „Das ist mein Club-Album. Oder das, was ich unter Clubmusik verstehe. Es ist ein Album, das laut gespielt werden muss.“

Zwischen den erwartbaren melancholischen Einlassungen türmen sich auf pumpenden Bässen gründender Hiphop und mit „Nicotine Love“ ein Deep-House-Track zu imposanter Größe auf. „Ich will mit Adrian Thaws zeigen, dass ich mich weiter entwickelt habe. Als Person wie als Künstler. In dem Maße, wie ich mich als Person entwickle, entwickelt sich auch meine Musik.“

Bemerkenswert unter diesen clubtauglichen Stücken ist die Rap-Nummer „Gangster Chronicles“, eine Interpretation des gleichnamigen Hits der „London Posse“ aus dem Jahr 1990. Wie ein Elefant stapft der donnernde Beat durch das neue Bristol-Arrangement, domptiert von Bella Gotti, der First Lady des britischen Rap. „Ihr Style ist so aggressiv, so intensiv. Das ist wichtig für meine Musik. Es gibt nichts Schlimmeres als lahmen Hiphop“, sagt Tricky.

Die Arbeit mit Gastmusikern, vor allem mit Sängerinnen, zieht sich als roter Faden durch Trickys Arbeiten. „Die meisten Musiker treffe ich zufällig. Wenn andere sagen, lass uns ein Bier trinken gehen, dann gehe ich mit denen ins Studio. Das ist meine Art, Freundschaften zu schließen.“ Von einigen seiner Gäste auf dem neuen Album kenne er nicht mal die eigenen Arbeiten. Tricky stört das nicht: „Hauptsache, es funktioniert in meinem Studio.“ Den britischen Komponisten Blue Daisy, der mit ihm auf „Adrian Thaws“ den politischen Lovesong „My Palestine Girl“ produzierte, habe zum Beispiel er im Tour-Bus kennengelernt. „Wir haben die ganze Nacht gekifft und getrunken. So kam er auf mein Album. Ein echt netter Typ“, erinnert sich Tricky.

Derart sozial eingebettet hat sich Tricky in den vergangenen Jahren selten präsentiert. „Ich habe mich vielen Menschen gegenüber ziemlich beschissen verhalten“, räumt er ein. Dass unter diesen Menschen auch seine Ex-Freundin Björk ist, deren erstes Album „Debut“ von Tricky produziert wurde, oder seine alten musikalischen Weggefährten von Massive Attack, lässt sich nur vermuten.

Wichtiger Baustein für seine persönliche Entwicklung sei eine neue Enthaltsamkeit. „Ich habe vor drei Monaten aufgehört zu kiffen. Naja, nicht richtig, aber ich habe nichts mehr im Haus. Wenn einer vorbeikommt, dann okay, aber wenn der dann geht, geht auch das Zeug. Und das ist gut so. Meine Tochter wohnt ja mittlerweile bei mir.“ Seinen Kick hole er sich derzeit von der Bühne. „Ich liebe es, live zu spielen. Die enge Verbindung zum Publikum gibt mir ein gutes Gefühl.“

Besonders gerne spiele er derzeit eine Improvisation über eine Wortfolge, die kaum besser zu einem Tricky passt, als zu einem, der sich den Menschen zuwendet. „Es geht los mit ,By myself, I’m all alone‘. Und wenn der Beat anschwillt und ich spüre, dass das Publikum mitgeht, dann ändere ich das in ,I’m not by myself, I’m not alone‘. Eben, weil das Publikum mit mir ist.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum