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„Tri Sestry“ „Die Fragen an Peter sind die, die ich auch Beethoven stellen würde“

Dennis Russell Davies und Nikolai Petersen dirigieren in Frankfurt die Eötvös-Oper „Tri Sestry“.

Nikolai Petersen und Dennis Russell Davies
Nikolai Petersen (l.) und Dennis Russell Davies vorm Orchestergraben in der Oper Frankfurt. Hinten ist das Bühnenbild zu erahnen. Foto: Peter Jülich

Optisch hat man oft den Eindruck, dass der Dirigent viel mehr damit zu tun hat, alles überhaupt zu organisieren. 
Davies: Unsere Aufgabe ist es, guten Leuten zu erlauben, miteinander zu musizieren. Unsere Aufgabe ist es nicht, eine Schau für das Publikum aufzuziehen. Es gibt Stücke, die verlangen rigorose Taktwechsel, und man darf sich keinen Fehler erlauben. Diese Qualität muss man aber auch in eine „Eroica“ hineinbringen, denke ich.
Petersen: Es gibt natürlich auch Musik, z.B. im Barock, die ursprünglich gar nicht für einen Dirigenten geschrieben worden ist. Der Puls läuft im Prinzip durch. Bei komplizierter und in ihrer Struktur sehr wechselvoller Musik ist es dagegen tatsächlich wesentlich, dass die Organisation für die Musiker deutlich sichtbar ist.

Bei einer Barocksinfonie könnte der Konzertmeister ausreichen.
Davies: Der hat allerdings eine Geige unter seinem Ohr. Und die Hauptsache, die Hauptarbeit des Dirigenten ist das Zuhören. Wir haben den besten Platz zum Hören. Und wir haben kein Instrument. Stellen Sie sich vor: Sie sprechen mit ihrem Nachbarn, und auf der anderen Seite des Raumes findet ein anderes Gespräch statt, dass Sie dringend hören wollen. Wie machen Sie das?

Indem ich mich auf nichts mehr wirklich konzentriere.
Davies: Genau. Unsere Aufgabe dagegen ist es, Ihren Dialog mit Ihrem Nachbarn wahrzunehmen und mit dem der Leute fünf Meter entfernt in eine Balance zu bringen. Wir sind dafür da, einen Impuls zu geben, für eine interne rhythmische Integrität zu sorgen und eine Balance zwischen verschiedenen komplizierten Flächen herzustellen. Es ist unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diese entspannte, gekonnte, aber sehr komplexe, diffizile Arbeit gemacht werden kann. Ich liebe diese Arbeit, es ist genau das, was ich mit meiner Zeit machen will.

Ist die Musik der „Drei Schwestern“ logisch für Sie?
Petersen: Ja. Sie macht Sinn.
Davies: Sie ist absolut nachvollziehbar.

Werden die Zuhörer ebenfalls diesen Eindruck haben?
Petersen: Das ist ein kompliziertes Stück, schon inhaltlich, weil es auf verschiedenen Ebenen arbeitet. Es gibt zahlreiche Bezüge zwischen dem, was auf der Bühne, und dem, was im Orchester passiert. Auch zwischen den Orchestern und zwischen Passagen, die zum Teil weit auseinander liegen. Allmählich dahinter zu kommen, bereitet eine große Freude.
Davies: Das Zuhören ist nicht einfach. Das gilt in der Musik aber immer. Manche Leute kommen und setzen sich hin, und es läuft eine Musik, und irgendwann merken sie, dass sie drei Minuten lang überhaupt nichts mitbekommen haben, weil sie ganz woanders waren. Das ist verständlich. Das Zuhören verlangt immer ein Mitmachen, ein Mitarbeiten. Wenn man im Museum vor einem neuen Bild steht, schaut man es an, es gefällt einem, es gefällt einem nicht. Eine Stunde später kann man wiederkommen und das erste Urteil überprüfen. In der Musik hat man in einer Konzertsituation nur eine Chance. 

Für neue Musik ist das fatal.
Davies: Die Hitparade der klassischen Musik verdient gespielt zu werden, aber das Leben geht weiter. Wunderbare Werke sind inzwischen entstanden, die kaum jemand kennt. Ich glaube, an dieser Oper wird das Publikum wirklich Freude haben, wenn es sich ein bisschen vorbereitet. Und: Es sind sieben Aufführungen, da sollen die Leute doch einfach ein paar Mal kommen.

Tatsächlich ist „Tri Sestry“ eine erfolgreiche Oper mit einem weit günstigeren Aufführungsschicksal als viele andere zeitgenössische Musiktheaterwerke. Dabei ist ein großes, aufwendiges Werk.
Davies: Und es macht etwas her. Es ist eine Herausforderung für ein ambitioniertes Haus. Frankfurt hat seit Jahren einen Ruf als eine Oper, die etwas wagt. In meiner Zeit als GMD am Staatstheater Stuttgart war Michael Gielen hier Chef, und die beiden Häuser haben sich schon damals gegenseitig hochgeschaukelt im Ehrgeiz, noch fortschrittlicher zu sein. Das Publikum hat das mitgetragen. Das ist jetzt unter Bernd Loebe ebenso. Es läuft. Aber ein so großes Haus ist auch dazu verpflichtet, nicht nur die Hitparade rauf und runter zu spielen. Wir sind privilegierte Künstler, wir arbeiten in einer Gesellschaft, in der Kunst etwas gilt, und wir arbeiten mit öffentlichen Geldern. 

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