Lade Inhalte...

„Tri Sestry“ „Die Fragen an Peter sind die, die ich auch Beethoven stellen würde“

Dennis Russell Davies und Nikolai Petersen dirigieren in Frankfurt die Eötvös-Oper „Tri Sestry“.

Nikolai Petersen und Dennis Russell Davies
Nikolai Petersen (l.) und Dennis Russell Davies vorm Orchestergraben in der Oper Frankfurt. Hinten ist das Bühnenbild zu erahnen. Foto: Peter Jülich

Mr. Davies, Herr Petersen, eine Oper, zwei Dirigenten, wie macht man das, wie geht man miteinander um?
Davies: Es ist ziemlich klar, dass es im Stück trotzdem eine komponierte Hierarchie gibt. Einer der beiden Dirigenten hat die musikalische Leitung, steht vorne mit einem Orchester und hat die ganze Bühne mit den Sängern vor sich. Das bin in diesem Falle ich. In der Uraufführung ...

1998 in Lyon...
Davies: ... war das nicht der Komponist, sondern Kent Nagano. Peter Eötvös hat damals die Funktion übernommen, die jetzt Nikolai hat. Die Situation für mich hier in Frankfurt ist ganz wunderbar. Auch an meinen eigenen Häusern arbeite ich immer mit einem zweiten Dirigenten, wirklich bei jeder Produktion. Peter Eötvös hat das nun schon hineinkomponiert. Es war sehr schön für mich, Nikolai Petersen zu treffen, der die Oper Frankfurt gut kennt, der das Stück sehr gut gelernt hat und der jetzt eine große Unterstützung ist.

Wie bereiten Sie sich auf ein so groß angelegtes, ungewöhnliches Stück wie „Tri Sestry“ vor? Anders als auf „La Traviata“ vermutlich?
Petersen: Nicht wirklich. Man liest die Partitur, möglicherweise ist die Masse an Tönen und Ereignissen größer als in einem traditionellen Stück. Man setzt es sich im Kopf zusammen, lernt die Einzelteile kennen, findet Bezüge zwischen ihnen. So baut sich allmählich die Struktur im Kopf auf.
Davies: Ich kenne Peter lange und habe einige Werke von ihm dirigiert. Daher habe ich schon ein gewisses Bild im Kopf von dem, was mich erwartet. Trotzdem geht es um Knochenarbeit. Und bei der Arbeit an der Partitur kommt zwar ein Moment, an dem man eine genauere Vorstellung hat. Aber in der ersten Probe kommt dann auch ein Moment der Realität. Und diese Realität in einen Zusammenhang mit dem zu bringen, was man sich vorgestellt hat, das ist hart.

Ihr Orchester, Herr Petersen, befindet sich hinter den Sängern. 
Petersen: Ja, das ist ungewöhnlich, weil es ja das viel größere Orchester ist. 
Davies: Die Klangwirkung ist vorher nicht leicht einzuschätzen. In der Komposition gibt es viele Stellen, an denen Nikolais Orchester eine Art Echo erzeugt von dem, was die vorne sitzenden Musiker spielen. Sie spielen meistens solistisch, jedes Instrument hat dabei eine Figur auf der Bühne, mit der es identifiziert werden soll. Obwohl das größere Orchester also ein Resonanzkörper ist, werden auch von hier aus öfter Tempi und Bewegungen initiiert. Es war nicht einfach, die Stellen herauszufinden, an denen es besser ist, wenn Nikolai die Initiative ergreift. Wir sind noch dabei, es herauszufinden, um ehrlich zu sein. 

Solche Entscheidungen treffen Sie gemeinsam.
Davies: In der Regel ja. Der Komponist hat selbst Vorschläge gemacht. Es gibt zwei, drei Stellen, an denen er sagt: Hier muss das Orchester hinten die Initiative ergreifen. Aber meistens ist es meine Aufgabe, vorne alles in der Hand zu halten. 

Es muss doch einen großen Unterschied machen, ob Sie ein solches Werk dirigieren oder eine Wagner-Oper. 
Petersen: Die Vorerfahrung mit vielgespielten Werken ist größer. Im ersten Moment erleichtert das den Zugang. Das ist eigentlich der einzige Unterschied.
Davies: Der wesentliche Unterschied ist die Möglichkeit, mit einem lebenden Komponisten in Kontakt zu sein, ihm Fragen stellen zu können. Dabei lernt man, worum es geht. Sie müssen sich vorstellen, dass die Fragen, die ich Peter stelle, dieselben Fragen sind, die ich Beethoven stellen würde. Oder Schubert. Bei Beethoven gibt es Stellen, an denen er beim zweiten Mal ganz kleine Änderungen vorgenommen hat. Dann möchte ich fragen: Hat er es so gemeint, hat er etwas vergessen? Eine Partitur ist ein Bild, aus dem man eine Musik herauszieht. Eine Partitur kommt erst dann zum Leben, wenn man die Musik spielt. Und ein Komponist notiert, so gut er kann, aber er ist auf uns Interpreten angewiesen. Beethoven hat lauter Metronomziffern eingetragen, als er an seinem Tisch saß. Und dann kommt die Realität der Spielbarkeit, der Raumgröße, der Akustik, und dann wird sich das relativieren. Das ist in der neuen Musik nicht anders.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen