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Toshio Hosokawa Klangmächtige Kathedralen

Das Komponistenporträt beim Rheingau Musik Festival: Toshio Hosokawa aus Japan.

Toshio Hosokawa ist ein freundlicher Herr, einer der gerne lacht und sich amüsiert. So verbindlich sich der japanische Komponist aber auch im Gespräch gibt, die Rolle als Mittler zwischen den Kulturen, die ihm sein Gegenüber andient, die will er partout nicht annehmen. Immer noch, so Hosokawa, gelten in Japan Bach und Beethoven als Säulenheilige der europäische Musik und die Komponisten, bei denen er gelernt hat, sind zuhause weitgehend unbekannt. Seine eigenen Arbeiten, so stellt er ohne Illusion klar, werden in Japan bei weitem nicht so geschätzt wie in Europa.

Gleich bei dreien der großen Sommerfestivals war er in diesem Jahr zu Gast: mit einer Uraufführung in Luzern, einem Gesprächskonzert in Mecklenburg-Vorpommern und eben beim Rheingau Musik Festival, das dem schon 1998 mit dem Rheingau Musikpreis geehrten Hosokawa nun auch sein Komponistenporträt widmete. Ein alljährlicher Blick auf die zeitgenössische Musik, der Dank der Initiative von Walter Fink seit fast zwanzig Jahren Teil des Festivals ist. Ilja Stephan, der kundige Gesprächspartner Hosokawas, hat passenderweise über Ysang Yun promoviert, bei dem jener ebenso studiert hat wie bei Klaus Huber. Der wiederum hat den eingeschworenen Avantgardisten zurück nach Japan geschickt und erst jetzt, in der neuerlichen Auseinandersetzung mit der traditionellen japanischen Musik, fand Hosokawa zu seiner Musiksprache.

Arbeiten wie "Silent Flowers" oder "Blossoming" stehen für den selbst formulierten Anspruch, der Natur (wieder) eine Stimme zu geben. Prägnante Beispiele für die Kompositionsweise Hosokawas, die vom Arditti Quartett und der Sho-Virtuosin Mayumi Myata vorgestellt werden. Von der traditionellen japanischen Gagaku-Musik kommend, beherrscht Myata die Mundorgel Sho mit faszinierender Virtuosität. Feinste Nuancen sind es, die Arbeiten wie "Landscape V" auszeichnen, "förmlich hineinkriechen", so rät Ilja Stephan, muss man in diese Musik, erst dann erschließen sich die Klänge.

Geräusch- und Toncollagen

Ganz anders und weitaus volltönender klingt "Voiceless Voices in Hiroshima", das wohl populärste Werk des 1955 in Hiroshima geborenen Hosokawa, das am folgenden Tag in der Basilika des Klosters Eberbach aufgeführt wird. Das Werk, ursprünglich als Requiem zum Angedenken an die Opfer des Atombombenabwurfs vom 6. August 1945 komponiert, hat Hosokawa später zu einer Suite erweitert, der er sich mit den ökologischen Folgen des ungebremsten Wirtschaftswachstums und der Naturzerstörung auseinandersetzt. Einer fulminanten Geräusch- und Toncollage aus Rezitation, Gesangsstimmen, Chor und Orchester, in die Tonbandaufnahmen hineingellen, folgen drei besinnliche Sätze, dunkel, aber nicht düster. Im dritten Satz, einer irisierenden Vertonung des Gedichtes "Heimkehr" von Paul Celan brilliert der WDR-Chor, die "Zeichen des Frühlings", ein vertontes Haiku des Dichters Matsou Bashô (1644 bis 1694), beschwört elegisch die Altistin Gerhild Romberger. Ein vages Zeichen der Hoffnung, dem im fünften Satz mahnende Klänge folgen: Auch hier erklingt wieder der für Hosokawa so typische Fächer aus Windgeräuschen und Tonreibungen, pocht das an Naturgeräuschen orientierte Schlagwerk. Verbunden mit einem durchaus europäischen Chorsatz gleicht das Finale doch sehr den klangmächtigen Kathedralen der europäischen Klassik, die Hosokawa eigentlich hinter sich lassen wollte. Eigener und überzeugender klingen seine so fein ziselierten Kammermusiken, die er - und das führt er anschaulich vor - quasi aufs Notenblatt kalligraphiert.

Toshio Hosokawas "Requiem für Hiroshima" ist zur Zeit nur noch antiquarisch zu erstehen - auf einer CD des Labels Col Legno. Dabei handelt es sich um einen Mitschnitt der Urfassung des Requiems vom 4. Mai 2001 mit dem Chor und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

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