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Tomasz Stanko Suche nach Leben und Freiheit

Zum Tode des polnischen Jazztrompeters Tomasz Stanko.

Tomasz Stanko
Tomasz Stanko spielt 2014 zur Erinnerung an den Warschauer Aufstand. Foto: rtr

Polnische Melancholie – was könnte das sein, im Unterschied etwa zu einer nicht-polnischen Melancholie? Gibt es auch in depressiven Gemütslagen nationale Unterschiede? Ist das Zitat überhaupt authentisch, das Tomasz Stanko zugeschrieben wird, in dem er (auf Englisch) behauptete, die polnische Melancholie liege ihm im Blut? Und was soll in diesem Satz das Blut?

Tomasz Stanko, geboren am 11. Juli 1942 in Rzeszów, knapp zwei Autostunden östlich von Krakau, der südpolnischen Metropole, in der er aufwuchs, war einer der bekanntesten Musiker Polens. Das will etwas heißen, denn Stanko war Jazz-Trompeter. Dass Musiker dieses Genres zu nationaler Bedeutung gelangen, ist auch in Polen ungewöhnlich und widerfuhr in ähnlicher Schulterhöhe gerade noch dem legendären Krzysztof Komeda, der unter anderem die Filmmusik zu „Rosemary’s Baby“ seines Landsmannes Roman Polanski komponierte. Tomasz Stanko war ab 1963 etliche Jahre lang eine feste Größe in Komedas Bands, bevor er eigene Wege zu suchen und zu gehen begann.

Zwischen 1967 und 1973 gehörte das Tomasz Stanko Quartet zu den profiliertesten Formationen des Modern Jazz in Europa. Dabei vermied Stanko es immer, sich einengend einer bestimmten Richtung innerhalb des weiten Jazz-Spektrums zuordnen zu lassen.

Als Trompeter sah er sich gleichermaßen von Chet Baker und Miles Davis beeinflusst und pflegte einen eher verhangenen, zuweilen düsteren Klang. Als Komponist, Stilist und Bandleader stand er dem Free Jazz eines Ornette Coleman nahe und zeigte sich Neuerungen und Experimenten gegenüber stets offen.

Er war einer der ersten europäischen Jazzmusiker, die mit elektronischen Klängen und Klangbearbeitungen zu arbeiten begannen, spielte in Rockjazz-Formationen, aber auch in Bands aus der britischen Szene einer non-idiomatischen Improvisationsmusik. Ab Mitte der siebziger Jahre entwickelte Stanko sich zu einem musikalischen und territorialen Weltbürger. Er lebte in Warschau, Krakau, New York, war in Skandinavien unterwegs, und seine Musik erschien bei dem Münchner Jazz- und Neue-Musik-Label ECM.

Eine eigene Band hatte er von den 70er Jahren an über viele Jahre nicht und tauchte stattdessen an der Seite von prominenten Jazzmusikern auf wie Dave Holland, Edward Vesala, Cecil Taylor, Heinz Sauer. Im Jahre 2000 kam das Album „Litania“ heraus, seine tiefe Verbeugung vor Krzysztof Komeda, die ihm den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik eintrug. Er spielte mit den Musikern des Simple Acoustic Trio und begann, wie einst auch Komeda, Filmmusik zu komponieren. Mehrere Male wurde er für den Polnischen Filmpreis nominiert. 2005 schrieb er die Musik für die Eröffnung des Museums zum Warschauer Aufstand 1944 und veröffentlichte sie auf dem Album „Freedom in August“. Mit seinem New York Quartet spielte er 2013 eine CD für die verstorbene polnische Literatur-Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska ein.

Stanko war stets auch ein politisch denkender Mensch, der jedoch seine Musik als von solchen Einflüssen unberührt und unberührbar verstand. Künstlerische Freiheit ging ihm über alles, und die Tatsache in einem auch kulturpolitisch zuweilen recht engstirnigen Land des Ostblocks zu leben, bereitete ihm wenig Probleme. Für sein von Internationalität geprägtes Lebensgefühl bedeutete die so genannte Wende von der Volksrepublik zur Dritten Polnischen Republik des Jahres 1989 wenig. Anderen polnischen Künstlern ging das anders. Im Jahre 2007 allerdings drückte Stanko in einem Interview unmissverständlich seine Freude über die damalige Abwahl der Kaczynski-Zwillinge aus mit dem Satz: „Wir sind wieder frei!“

Auf die Frage, was ihm wichtig sei, antwortete er: „Zu spielen und nach dem Leben zu suchen.“ Seit Anfang des Jahres waren die meisten seiner Auftritte abgesagt worden. Jetzt ist Tomasz Stanko mitten in dieser Suche im Alter von 76 Jahren in Warschau gestorben.

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