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Thunderpussy Die Schlange vom Nacken werfen

Thunderpussy zerlegen auf ihrem Debüt lautstark und herzhaft die Klischees des Classic Rock.

Wenn Menschen sich meterlange Würgereptilien um den Nacken legen und den Flirt mit alttestamentarischen Gefahren nicht scheuen, beginnen alle Alarmsirenen im Staate Rock’n’Roll aufzuheulen. Es wird heavy, es wird hart, es wird traditionsschwer! Klar, dass mit „Speed Queen“ eröffnet, eine Moto Guzzi auf Touren gebracht, ein „Never look back / Never be the same“ intoniert wird.

Doch ist nichts, wie es scheint. Hinter Thunderpussy und dem gleichnamigen Debüt ist ein weibliches Quartett am Werk, sich hingebend den Posen und Abgefeimtheiten des sogenannten Classic Rock, damit spielend, sich prächtig amüsierend. Von dem Liebespaar Whitney Petty (Gitarre) und Molly Sides (Gesang) vor vier Jahren in Seattle gegründet, beackert die Truppe ein Terrain, das bis zur Wurzel abgegrast, seelenlos versteppt ist.

Dass innerhalb von einem Dutzend Songs und imposanten 51 Minuten dennoch Akzente gesetzt werden, kann als unerwartetes Kabinettstück verbucht werden. Fast die Hälfte des Repertoires bewegt sich außerhalb der verräucherten, von Bierdosen übersäten Hardrock-Schmiede. So betastet uns das schleichend-ruhige „Torpedo Love“ mit samtiger Soulpfote. Und mit dem sechsminütigen „Young & Pure“ endet alles in leiser, perlender Schönheit.

Untypisch für eine Band, in der die taktgebenden Ruby Dunphy an der Schießbude und Bassistin Leah Julius schon mit dem Rhythmuskraftwerk von Cream verglichen wurden. Hier hat man ordentlich aufgepasst in der Hochschule des lautstarken Krawalls, hat Aerosmith und Riot Grrls studiert, sich mittlerweile zwischen „Led Zeppelin und Beyoncé“ verortet. Was sie können, können sie gut. Als Unterstützer fungiert Mike McCready von Pearl Jam, der ins zupackende „Velvet Noose“ einige Gitarrenschlieren werfen darf.

Frau Petty, die im Thunderpussy-Universum die Ideenlieferantin ist, holt aus ihrer 59er Les Paul eine Menge irres Getön heraus – im Stück „Thunderpussy“ lodern die Klischees bis zur Verausgabung. Raubtiere, die fauchen, zum Sturm aufs Weiße Haus bereit sind. Denn dort hockt der Feind. Um ihren Bandnamen wird vor Gericht gerungen, als „abfälliger Ausdruck“ gilt, was im Land der Frommen und Freien längst alltagstauglich ist. Mit Hinweis auf präsidiale Formulierungskunst haben sie unlängst zu Protokoll gegeben: „Motherfucker can say ‚Grab ’em by the pussy‘ and we can’t just throw in our trademark?“ Also wurden – Verkaufshit! – schnell Shirts mit dem Aufdruck „Grab ’em by the Thunderpussy“ in Umlauf gebracht.

Sie ähneln nur vordergründig jener in den Siebzigern berühmten und verheizten Mädchenband The Runaways – die Seattle-Fraktion ist zäher. Petty, Sides, Julius und Dunphy werden die Schlange vom Nacken werfen und anschließend auffressen. (Übrigens wird das Erbe der ehemaligen Runaways-Anführerin Joan Jett heute von dem Duo Bat Fangs verwaltet: der im Frühjahr herausgekommene Erstling von Betsy Wright und Laura King ist eine Wucht.)

Instrumentell sind die Vierlinge bestens trainiert, angeblich kann jede der Frauen die Schlagstöcke und auch die magischen sechs Saiten bedienen. Am variablen Sangestun mangelt es ebenso wenig. Konzertant – so die Überlieferung – soll das Ganze eine Schau sein. Hart und sexy, lautstark und herzhaft.

 

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