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Theo Adam Der denkende Sänger

Einer, der nicht davor zurückschreckte, sich dem Publikum an den Hals zu schmeißen: Der renommierte Bassbariton Theo Adam ist gestorben.

Theo Adam
Theo Adam, 2006. Foto: dpa

Theo Adam starb am 10. Januar 2019. Er war einer der berühmtesten Wagnersänger seiner Zeit. „Seiner Zeit“ muss es heißen, denn als er vorgestern starb, war er 92 Jahre alt. Am 1. August 1926 in Dresden geboren, stand er 1949 das erste Mal auf der Bühne. Öffentliche Auftritte hatte er schon als Mitglied des Dresdner Kreuzchores, dem er mit zehn beigetreten war, gehabt. Der Bassbariton Theo Adam war neben dem neun Jahre jüngeren Tenor Peter Schreier einer der erfolgreichsten sängerischen Exportartikel der DDR. Von 1952 bis 1980 sang er in Bayreuth. 13 Jahre davon den Wotan. Mehr als einhundert Partien soll er gesungen haben. Eine Reihe von ihnen kann man auf Youtube hören. Im DDR-Fernsehen hatte er ab 1977 eine eigene Fernsehsendung. „Theo Adam lädt ein“ hieß sie. Er stellte darin internationale Operngrößen wie zum Beispiel Jessye Norman und junge Talente vor. Es waren Galaabende in der Semper-, der Staatsoper oder in anderen restaurierten architektonischen Juwelen. Die DDR als Kulturnation, die das deutsche Erbe bewahrt – dafür stand Theo Adam auch.

Eine seiner Paraderollen war der Hans Sachs in Wagners Meistersängern. Die Zeilen „zerging in Dunst das heil'ge röm'sche Reich, uns bliebe gleich die heil 'ge deutsche Kunst!“ sprangen einem damals ganz anders entgegen als heute. Er sang sie 1968 das erste Mal. Zuerst in Berlin an der Staatsoper und dann in Bayreuth unter Karl Böhm. Wie erst mag das dem Sänger der Verse ergangen sein? In einem Interview mit August Everding erklärte er 1990, er habe immer versucht herauszuarbeiten, dass der Akzent bei Wagner auf Kunst liege. Das Reich, die Nation, das Deutschnationale sei nicht wichtig gewesen. Sein in einem MDR-Interview mit Claudia Henne geäußerter Satz, er sei Sachse aus Leidenschaft, muss wohl auch in diesem Zusammenhang verstanden werden. Deutschland war kein Begriff mehr, den man einfach in den Mund nehmen konnte. DDR musste man sagen, also ließ man es immer wieder gerne. Auch so entstanden aus den Trümmern des Reichs nach dem zweiten Weltkrieg in Ost und West wieder die Stämme.

Wer nur über ihn liest, macht sich ein falsches Bild

Wer nur über ihn liest, macht sich ein falsches Bild von Theo Adams Stimme. Immer wieder wird die Kraft, die Stärke seiner Stimme betont. Aber die Stimme selbst ist eher brüchig. Wer sich eine Vorstellung von ihr machen möchte, der höre seinen Wotan im dritten Akt der Walküre. Brünnhilde wird gesungen von Birgit Nilsson. Theo Adam ist großartig. Die Verletzlichkeit seiner Stimme ist unüberhörbar in den ruhigen Passagen, im Legato. Wo er sich steigert, da wächst sie über sich hinaus, gewinnt eine Kraft, die die riesigen Opernhäuser füllt und keine Probleme hat, neben Birgit Nilsson zu bestehen. Ergreifend schön wird sie wenn er aus diesen Ausbrüchen sich zurückzieht und ihre Schwäche zeigt. Das Durchdonnern war seine Sache nicht. Zu unserem Glück.

Ich habe ihn nie auf der Bühne gesehen. Das ist schade. Denn er war ein Sängerdarsteller. Nicht so, wie man sie heute gerne hat, sondern einer der Spaß hatte am chargieren, der nicht davor zurückschreckte, sich dem Publikum an den Hals zu schmeißen. Im Rosenkavalier sang er immer wieder den Ochs auf Lerchenau. Auf Youtube gibt es eine Aufführung der Dresdner Semperoper aus dem Jahre ihrer Wiedereröffnung 1985, inszeniert von Joachim Herz. Man merkt Theo Adam an, wie viel Spaß es ihm macht, sich auf dem Sofa zu fläzen. Adams Spielfreude steckt an. Als er aufsteht und ein Glas Wein in der Hand, einen Walzer hinlegt, da kann auch der tanzunfreudigste Betrachter kaum widerstehen, es ihm nachzutun. Die Schauspielerei ist aus der kindlichen Lust an der Nachahmung entstanden und in solchen Momenten treibt sie auch die Zuschauer dorthin zurück.

Dergleichen war lange verpönt und ist es heute vielerorts noch immer, aber das ist der Boden auf dem die Kunst wächst. Theo Adam, ein denkender Sänger, der auch ein paar anekdotenreiche Bücher über sein Musikerleben geschrieben hat, wusste es.

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