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Sunset Boulevard in Bad Vilbel Träume, Schäume und Bäume

Wirkungsvolles Kontrastprogramm: „Sunset Boulevard“ bei den Burgfestspielen Bad Vilbel.

15.06.2017 16:59
Sunset Boulevard
Schicksalsgemeinschaft: Norma, Joe, Max. Foto: Eugen Sommer

Auch schon wieder fast vergessen: Für die deutschsprachige Erstaufführung von Andrew Lloyd Webbers „Sunset Boulevard“ entstand seinerzeit, während des Musical-Booms der 90er Jahre, das meistenteils still in einer sehr schönen Landschaft liegende Rhein-Main-Theater Niedernhausen. Die von Billy Wilder erdachte und 1950 inszenierte Geschichte – mit Gloria Swanson, William Holden und Erich von Stroheim –, von Webber vierzig Jahre später in ein Musical verwandelt, erzählt von Träumen, Schäumen, Lügen und Stangen von Geld, um die sich am Ende alles dreht. Insofern passte das damals sehr gut. Schwieriger ist es, sich das schwarzfunkelnde Drama bei den Burgfestspielen in Bad Vilbel vorzustellen, wo es so naturig, erfreulich, hausgemacht und antipompös zugeht. Praktisch klappt das aber gut, und Norma Desmond hätte ihre Freude daran, dass das weniger an den jungen Leutchen liegt, sondern an den alten, nun älteren Hasen: Es gibt eine auf Dauer wirklich prächtige Hauptdarstellerin, April Hailer, sie hat ein niveauvolles Faktotum an ihrer Seite, Andrea Pagani, und der Jungspund, Robert David Marx, wird deutlich interessanter, wenn ihm dämmert, dass er hier nicht mehr heil herauskommt. Es gibt eine keineswegs mickrige Musik (Leitung Markus Höller), die wettergeschützt von der Seite eingespielt wird und hörbar macht, wie Webber für Norma Desmond die von ihm selbst geschaffenen und dann tüchtig breitgetretenen Musical-Pfade bisweilen verließ, um die alte Hollywood-Musik (inklusive großer Opernmoment à la Wolfgang Korngold) aufleben zu lassen. Die deutschen Texte sind wie immer zum Verzweifeln, aber es wird gut gesungen bei nicht niedrigen Ansprüchen.

Anja Müllers Kostüme: traumhaft

Benedikt Borrmanns Regie hängt an Hailer, wie Norma Desmond es erträumte (und zugleich für selbstverständlich hielt). Das Bühnenbild von Pia Oertel tut nicht so, als sei Bad Vilbel Hollywood, sondern lässt die Figuren zwischen einer sich kringelnden Filmrolle mit dem selbstgemalten Paramount-Pictures-Logo herumhuschen. Es gibt eine kleine Drehbühne, eine Treppe für Norma Desmonds Auftritte und viele Türen, und dass sich die Türen manchmal nicht leicht schließen und manchmal nicht leicht öffnen lassen, schadet nicht. Auch im Hollywood der vordigitalen Zeit und vermutlich noch heute musste und muss kräftig zugepackt werden. Anja Müllers Kostüme: traumhaft genug, vor allem die für Norma Desmond.

Und wer ist denn nun Norma Desmond? Ihre großen Zeiten als Stummfilmstar sind 1949 (da beginnt die Handlung) lange vorbei. Dank des treuen Max hat sie nichts davon mitbekommen, dank des jungen Joe soll aus ihrem offenbar absolut entsetzlichen „Salome“-Drehbuch ein brauchbarer Film werden, der ihr den alten Ruhm zurückbringt. Joe lässt sich korrumpieren, entflieht aber gelegentlich der Gespensterwelt und lernt die nette, fitte, irrsinnig junge Betty, Janne Marie Peters, besser kennen, als es seiner eigenartigen und unwillentlichen Playboysituation angemessen ist.

Mit ihr sitzt er melancholisch auf dem Dach (also der Filmrolle), mit den jungen Kollegen tanzt er fröhlich. Aber der Tango mit Norma Desmond zeigt, dass eigentlich er ihrer nicht wert ist und nicht umgekehrt (wie aber selbst Norma im Herzen fürchtet). Die Choreografien von Myriam Lifka versuchen, diesen Kontrast umzusetzen: Norma als Ausdruckstänzerin ist noch in den peinlichsten, tragischsten Momenten den jungen Petticoat-Girls über. Es hilft ihr nichts. Überzeugend entwickelt Borrmann die Szene, in der Norma gar nicht wahrnimmt, wie neben ihr die nächste schöne junge Jeanne d’Arc ausgeleuchtet wird (einst ihre eigene Rolle). In einer „Endstation Sehnsucht“-artigen Schlussszene ist sie das Opfer, obwohl sie die Täterin ist.
Faszinierend natürlich, wie Hollywood noch aus den vergessenen und gewissermaßen überrollten Ex-Stars Profit schlug. Etwas von diesem kühlen Kalkül transportiert sich auch in Vilbel spannungsvoll.
 
Burgfestspiele Bad Vilbel: Termine bis 4. September.
www.kultur-bad-vilbel.de

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