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Staatstheater München Es bleiben einzelne Lichtpunkte

Das Staatstheater am Münchener Gärtnerplatz führt E.T.A. Hoffmanns Singspiel "Liebe und Eifersucht" urauf - und eröffnet damit die neue Saison. Von Jürgen Otten

31.07.2008 00:07
JÜRGEN OTTEN

Erbärmlich ist mitunter das Künstlerschicksal. Kaum ist E.T.A. Hoffmann 1808 in der schönen Stadt Bamberg eingetroffen, um das wenige Jahre zuvor eröffnete Theater zu beleben, sieht er sich von Kabalen umzingelt. Nach einer misslungenen, von ihm dirigierten Aufführung der Oper "Aline, Königin von Golkonda" eines gewissen Berton wird Hoffmann Opfer einer Intrige, die sein Konzertmeister angezettelt hat.

War es zuvor in Berlin so, dass man die juristische Kompetenz des Dichters, Musikers und Malers bezweifelte, so ist es hier anders herum: Wohl billigt man dem Neuen juristische Könnerschaft zu, aber musikalische Fertigkeiten spricht man ihm ab. Die Folge: Nach zwei Monaten muss Hoffmann sein Amt als Musikdirektor aufgeben. Fortan darf er - bei halbiertem Salär - Gelegenheitskompositionen verfassen, Tänze, Märsche, Chöre. Der so Gedemütigte - wie soll er nicht sarkastisch werden - nennt es "Musik schmieren".

Nicht geschmiert, sondern in höchster Seriosität zu Papier gebracht sind zwei Werke, die während dieser Zeit nicht auf Wunsch des Theaters entstehen: Hoffmann komponiert sein umfangreichstes geistliches Werk, das "Miserere" für Soli, Chor und Orchester (1809) sowie ein famoses Klaviertrio.

Ein Werk fürs Musiktheater, das eigentlich in Bamberg aufgeführt werden soll, ist das 1807 komponierte Singspiel "Liebe und Eifersucht", zu dem Hoffmann, gestützt auf die Übersetzung August Schlegels von 1803, selbst den Text verfasst. Aufgeführt wird dieses Opus, dessen Grundlage Calderóns Comedia "La banda y la flor" (Die Schärpe und die Blume) bildet, während Hoffmanns Bamberger Zeit ebenso wenig wie die beiden anderen genannten. Und dabei bleibt es. Zweihundert Jahre Einsamkeit.

Doch jetzt wurde, in einer Koproduktion zwischen dem Staatstheater am Gärtnerplatz und den Ludwigburger Schlossfestspielen, Hoffmanns "Liebe und Eifersucht" ins Licht der Welt gesetzt. Geburtsort war das schmucke schwäbische Kreisstädtchen, jedoch nicht der Ordenssaal des zauberhaften Schlosses (was stimmig gewesen wäre, Calderón schrieb seine Stücke vor allem für das teatro palaciego, die Palastbühne bei Hofe), sondern das Forum; eigentlich ein Konzertsaal, wiewohl mit Graben ausgestattet. Und im Gegensatz zu München verwendete man hier historische Instrumente.

Der Musik, sprühend vor Ideen, mozartisch angehaucht bis hin zur "Zauberflöte"-Allusion beim Auftritt dreier verschleierter Damen, bekommt es gut. Einmal wegen der schlanken, athletischen und prägnant artikulierenden Tongebung des Orchesters der Schlossfestspiele, zum anderen, weil Dirigent Michael Hofstetter für seine Interpretation konsequent zügige Tempi wählt. Bereits die mit 243 Takten stark ausgedehnte D-Dur-Ouvertüre rauscht - nach weihevollem Andante-Auftakt - vorschriftsgemäß vorüber: Allegro molto. Und auch in der Folge treibt Hofstetter die Ereignisse flott ihrem lieto fine entgegen.

Warum er es tut, warum es wohltuend ist (auch für die Sänger), ergibt sich aus der Struktur der Partitur, aus dem Verhältnis von Wort und Musik sowie aus beider Beschaffenheit. Zwar sprüht das Werk vor Einfällen, ist aber zugleich durchwirkt von Redundanzen, (Klang-)Redewendungen, gestischen Ritualen. Ein übertriebenes Innehalten würde dies betonen, was angesichts der Durchschaubarkeit des Sujets, das der Mantel-und-Degen-Konventionalität nie zu entfliehen vermag, zwangsläufig ermüden würde. Die Straffung von Rhythmus und Melos wirkt dieser drohenden Behäbigkeit entgegen.

Die Inszenierung von Ezio Toffolutti (Regie, Bühne, Kostüme) tut es leider nicht. Sie ist dem affirmativen Geist der Unterhaltung verpflichtet. Mag diese gehoben sein, inspirierend wirkt es selten, was vor und in dem hübsch gestutzten Irrgarten geschieht. Nach fünf Minuten ist klar, was wie warum geschieht, wer wen warum kriegt. Dabei böte die historische Konstellation Gelegenheit zu politischer Betrachtung oder zumindest ironischer Brechung. Toffolutti verzichtet auf eine derartige Ideenebene, er präsentiert lieber einen gescheiten Scherz nach dem anderen.

Es bleiben einzelne Lichtpunkte. Wirklich ein guter Tenor, textverständlich, fein phrasierend, dynamisch differenziert, ist Robert Sellier als Enrico. Quirlig, mit Facetten, auch als Schauspieler, Stefan Sevenich als sein Diener Ponlevi. Thérèse Wincent (Cloris) zeigt nicht nur in ihrer d-Moll-Arie "Verloren die Ruhe, verloren die Hoffnung" im zweiten Akt dramatische Gespanntheit und Ausdrucksvermögen.

Und auch Christina Gerstberger (Lisida) gebietet darüber. Schade nur, dass man bei ihr so gut wie kein Wort versteht, weil sie zu sehr nach innen singt. Ein Höhepunkt des Singspiels ist damit verschenkt: die expressive d-Moll-Arie der Lisida "Unruhvoll mit bangem Zagen". Was nichts daran ändert, dass hier ein Werk in der Welt ist, das durch wundervolle Musik betört und insbesondere in den Ensembles suggestive Energien ausstrahlt. Wünschenswert wäre nun eine szenische Lösung, die über das Amüsement hinaus die Brisanz des Stoffes herauskristallisierte.

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