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Staatstheater Darmstadt "Macbeth" Trau dich

Das schleicht sich unter die Haut: Das Staatstheater Darmstadt zeigt Verdis „Macbeth“ in einer exzellenten Aufführung und mit extremem Klang.

29.09.2014 15:19
Stefan Schickhaus
Mit Fliege und blutigen Händen: "Macbeth" in Darmstadt. Foto: Martin Sigmund

Das kann man einen Neuanfang nennen. Die hessischen Staatstheater in Wiesbaden und Darmstadt haben neue Intendanten bekommen, mit weitgehend neuen Mannschaften starteten die Häuser jetzt und schienen sich gegenseitig überbieten zu wollen. Und zwar sowohl in Anspruch als auch Qualität.

Der Neu-Wiesbadener Uwe Eric Laufenberg stellte sich schon Mitte September mit einer hoch gelobten „Frau ohne Schatten“ von Richard Strauss vor. Jetzt zog Karsten Wiegand in Darmstadt mit einer regelrechten Premierenballung nach. Innerhalb von drei Tagen gab es zwei neue Sprechtheater-Stücke sowie zwei Opern-Premieren, und diese mit Werken von ausgesuchter Güte. Erst Monteverdis „Ulisse“, zwei Abende später dann „Macbeth“ von Giuseppe Verdi. Das nun ist eine wahrlich unterschätze Verdi-Oper, eine, die völlig lieblos wirksam ist, in der es nicht um zarte Bande geht, sondern um härteste Verbrechen. Und wie sich das neue Darmstädter Haus mit diesem außerordentlichen Verdi präsentierte, war extrem anregend. Und verstörend.

Von Spuk im klassischen Sinn keine Spur, so stellte sich der Anfang dar. Macbeth, der Kriegsrückkehrer in Uniform, kommt an einem Brautmodengeschäft vorbei, das den Namen „Trau dich“ trägt – im Grunde ein Motto für den gesamten Shakespeare-Stoff. Die Schaufensterpuppen aber mutieren zu Bräuten der Hölle, sie weissagen Macbeths Zukunft. Soweit noch ganz harmlos, die Hexen tragen Prada.

Dann dreht sich im Schaufenster aber ein Schlafzimmer ins Bild, Lady Macbeth schmiedet dort Pläne, legt sich ins Doppelbett, das sich ganz langsam immer weiter ins Bild schiebt. Bis man sieht, was auf dem zweiten Kissen neben ihr sitzt: Ein glatzköpfiges, blutiges Kind, vornüber gebeugt. Macbeth wird später dieses wie ein Fötus verschmierte Kind aus einem Erdloch ziehen, um sich neues Orakel geben zu lassen. Das schleicht sich unter die Haut.

Der lettische Regisseur Viestur Kairish und sein Landsmann und Bühnenbildner Reinis Dzudzilo haben einen besonders eindringlichen, weil immer wieder neu verstörenden Weg gefunden, den Horror-Plot um Macbeths Tötungsmarathon in Bilder zu fassen. Wie jeder gute Psychothriller kommt auch diese Inszenierung ohne Donner und Blitz aus, der Schock sitzt umso tiefer, je langsamer er sich aufbaut. In Kairishs Video-Sammlung dürfte sich jedenfalls einiges von Stephen King finden.

Eine extreme Geschichte

„Es ist eine extreme Geschichte, also muss es auch extrem klingen“, das hatte Will Humburg angekündigt. Er ist der neue GMD in Darmstadt, er hatte einen schon zur Pause bejubelten Einstand. Humburg ist ein Dirigent, der für die Sänger da ist, speziell auch für den Chor, eine derartig detailreiche Chorführung erlebt man selten. Herausragend aber auch, wie vielgestaltig das Darmstädter Orchester klingen konnte, wie hart, wie fahl, wie süß, wie plastisch und drastisch. Humburg dirigierte nicht einfach einen Verdi, er dirigierte die morbide Welt des verstrickten Königs Macbeth und seiner irren Königin.

Die wurde gesungen von Katrin Gerstenberger, neben Elisabeth Hornung die einzige gute Bekannte dieser Besetzung, denn beide gehören unkündbar zum Ensemble. Sie ist eine große Lady Macbeth, in Statur und Stimme größer als Macbeth selbst, hier dargestellt von Maksim Aniskin – das passt, die Lady ist ja auch der aktive Part dieser mörderischen Beziehung. Gerstenbergers intensiv-stechender Sopran, Aniskins schöner, bald auch schauriger Bariton, ein ideales Paar. Stark auch Felipe Rojas Velozo als Macduff, ein Tenor, der Schöngesang hinten anzustellen vermag, wenn es um Extrempositionen geht.

Pausbäckige Kindermasken über dem Gesicht und britische Schuluniformen an den Körpern haben die Chorsänger (Kostüme: Ilse Welter), wenn sie zum Finale gegen Macbeths Burg vorrücken. Unzählige Kinder hatte Macbeth töten lassen, eigene zu zeugen vermochte er nicht. Kinder wurden hier sein Untergang.

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