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Staatstheater Darmstadt Ein sonderbares Ding

Peter Lund scheitert in Darmstadt am "Rosenkavalier" von Richard Strauss. Von Tim Gorbauch

15.03.2010 00:03
Tim Gorbauch
Das ausgezeichnete Ensemble würde mehr als ein inszeniertes Nichts verdienen. Foto: Barbara Aumüller

Nehmen wir den ersten Akt, in dem alles schon da ist, was den Rosenkavalier ausmacht. Das Liebesglück, dem die Endlichkeit bereits eingeschrieben ist. Die Naivität des Jüngeren, der genau das nicht wahrnehmen will, weil Zeit für ihn noch keine Bedeutung hat. Die Melancholie der Älteren, die ihre Vergänglichkeit spürt und sie in Sätze gießt wie "Die Zeit, sie ist ein sonderbares Ding. Manchmal höre ich sie fließen, unaufhaltsam." Dazu die Derbheit des Barons, der nur das Jetzt kennt und jeder Hosenrolle auf den Leim geht, wenn, um einmal Büchner in einen anderen Kontext zu rücken, "die Natur über ihn kommt". Und über allem die Musik von Richard Strauss, die so delikat zwischen Spiel und Ernst changiert, die sich kostümiert und doch nah bei seinen Figuren bleibt, die, wie der Textdichter Hugo von Hofmannsthal einmal an anderer Stelle sagte, "zugleich echt und erfunden" ist. Das ist Oper auf einem ihrer späten Höhepunkte. Doch in Darmstadt ist von alledem nichts zu sehen.

Dass der Regie wenig einfällt, ist nicht weiter schlimm, hätte sie umgekehrt ein Konzept oder wenigstens eine Haltung. Aber Peter Lund, ein Fachmann für Musicals, findet vier Stunden lang keinen Zugang zu dieser commedia per musica, zumindest keinen, der dem Werk auf Augenhöhe begegnen würde. Von Komödie ist ohnehin keine Spur, im zweiten Akt gibt es einen einzigen Lacher, wenn der kleine Octavian sich vor dem körperlich schier übermächtigen Ochs auf Lerchenau aufbaut und ihm den schönen Satz entgegen schmettert: "Die Fräulein, kurz und gut, die Fräulein mag ihn nicht." Und auch die Tiefe, die eine grandios gedachte Figur wie die Marschallin aufreißt, verliert gänzlich ihre Sprengkraft, weil Lund nie eine Fallhöhe andeutet, die den Abgrund erst erklärbar machen würde.

Lund begnügt sich vielmehr damit, ein routiniertes Ensemblespiel einzurichten und geht dabei kaum über die im Libretto niedergeschriebenen Regieanweisungen Hofmannsthal hinaus. Immerhin ein schönes Bild gelingt ihm, zum Ende des ersten Aktes, bei einem jener "stillen Aktschlüsse", wie Hofmannsthal hellhörig bemerkte. Da steht die Marschallin allein in ihrer Melancholie auf der Bühne, gefangen in ihrem weißen, symmetrischen Prunk, und hört der Musik zu, die von Abschied spricht.

Ohnehin muss die Musik den Abend tragen, und das gelingt ihr überraschend gut. Der neue Generalmusikdirektor Constantin Trinks findet rasch die Balance, halb Ernst, halb Spiel, zugleich echt und erfunden. Das Vorspiel zum dritten Akt ist berückend, zudem kann er sich auf ein tragfähiges Ensemble verlassen. Gerade die Hauptfiguren, Carin Séchaye als Oktavian, Aki Hashimoto als Sophie, vor allem aber Albert Pesendorfer als formidabler Baron Ochs auf Lerchenau und Yamina Maamar als Marschallin, sind ausgezeichnet besetzt und hätten eine Regie verdient, die irgendetwas bietet. Mut, Verzweiflung, Hoffnung, Untergang, Pracht, Leichtigkeit, Drastik, Witz, Grazie. Irgendwas. Und nicht einfach nichts.

Staatstheater Darmstadt: 27. März, 8., 18., 30. April, 2., 22., 29. Mai, www.staatstheater-darmstadt.de

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