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Sleaford Mods Sie haben sehr schlechte Laune

Die Sleaford Mods und ihr großartiges neues Album „Divide And Exit“.

11.05.2014 19:38
Jens Balzer
Punk und schlechte Laune. Foto: Simon Parfrement

Sie sind hässlich. Sie sind Männer. Sie haben schreckliche Frisuren. Sie sind schlecht angezogen. Sie sind nicht mehr die Jüngsten. Sie sehen aus, als ob sie nicht besonders gut riechen. Sie können nicht singen. Sie können nicht tanzen. Eigentlich können sie auch keine Songs komponieren. Und sie haben sehr schlechte Laune.

Aber dennoch oder gerade deswegen sind die Sleaford Mods die tollste Band, die man in diesem Frühjahr entdecken kann; jedenfalls solange man der Ansicht ist, dass in der sogenannten populären Musik zur Zeit ansonsten zu viel gute Laune vorherrscht und zu viel Einverstandensein mit der Welt, und wenn man daraus sowie aus der Gesamtsituation der Welt die Schlussfolgerung zieht, dass jeder, der in musikalischer Form schlechte Laune zu verbreiten versteht, nur ein hochwillkommener Gast sein kann.

Sie wollen hassen

Und die Sleaford Mods verbreiten wirklich verdammt schlechte Laune. Sie können niemanden leiden, und sie legen keinen Wert darauf, dass irgendjemand sie leiden kann. Sie hassen alle Menschen, und Tiere finden sie auch nicht sympathisch. In dem Stück „Corgi“ wünschen sie allen Hunden dieser Gattung den Tod. Sie hassen das subproletarische Volk, die Penner und Obdachlosen, denen sie täglich begegnen, ebenso wie die Hochfinanz und den Adel. Sie hassen die Politiker, die Leute wie sie zu depravierten Mini-Job-Existenzen verdammen.

Sie hassen London und die bärtigen Hipster, die sich da herumtreiben („visionless cunts“); sie hassen die enthirnte Generation der Smartphone-Junkies und Social-Media-Nutzer: „All you zombies / tweet tweet tweet“. Sie hassen junge Indierock-Bands aus der Provinz, die nach London ziehen und sich dort einen falschen Akzent zulegen. Umso ungebeugter rappt Sleaford-Mods-Sänger Jason Williamson in seinem East-Midlands-Slang, einem Dialekt, der in britischen Ohren ebenso unmöglich klingt wie in Deutschland – sagen wir einmal – das Sächsische.
Die Sleaford Mods kommen aus den Midlands in der Nähe von Nottingham; sie haben sich nach dem Ort Sleaford benannt, in dem sie aber nie wohnten, und nach einer in den Siebzigerjahren bedeutsam gewesenen Jugendkultur, der einer von ihnen einmal angehört hat, die sie inzwischen aber auch hassen. Ebenso wie sie natürlich Nottingham hassen, wohin sie nach gescheiterten Karriereversuchen anderswo zurückgezogen sind. Und wer schon einmal in Nottingham war, weiß, dass man dort tatsächlich nur eines will: sofort wieder weg. „The smell of piss is so strong, it smells like decent bacon“, beschreibt Williamson in dem Lied „Tied Up In Nottz“ die Stadt: Es riecht hier dermaßen streng nach Urin, dass man es schon wieder für leckeren Speck halte könnte.
Jeden Morgen betrachtet er – wie wir in dem Stück „Liveable Shit“ erfahren – sein Spiegelbild in der Kloschüssel einer besonders versifften öffentlichen Toilette, um sich für den Tag in Stimmung zu bringen. Kein Wunder, dass es in seinen Auslassungen dann nur so wimmelt vor skatologischen Bildern; so viel Exkremente sind lange nicht mehr durch die Popmusik geschwappt wie auf der neuen Sleaford-Mods-Platte „Divide and Exit“.

Aber so witzig und sarkastisch und einfallsreich sind die Texte von Williamson zugleich, dass man sehr viel Spaß mit der von ihm beschworenen Scheiße haben kann. Seine rasend herausgespuckten Sprechgesangstiraden unterlegt der zweite Sleaford Mod, Andrew Fearn, mit minimalistisch-kalt knallenden Beats, die an frühen Post-Punk ebenso erinnern wie an den roheren Londoner Instrumental-HipHop und Grime der letzten Jahre.

Gelegentlich prescht ein grimmiger Bass dazu nach vorne, oder ein paar besonders kostengünstig klingende Keyboardtöne sorgen für Momente mit Melodien. So aber, wie Williamson und Fearn die rhythmische Sprache und die billigen Beats miteinander verzahnen, wird aus dem trüb perlenden Gestänker dann plötzlich doch wieder: große Kunst, in der sich Aggressivität und Verzweiflung, zornige Anklage und delirierendes Nur-noch-mit-sich-selbst-sprechen in der erstaunlichsten Weise verschränken.

In dem Video zu „Jolly Fucker“ sieht man die Sleaford Mods in einer typischen Musiziersituation. Jeder mit einer Bierflasche in der Hand, stehen sie auf einer winzigen Bühne, und während Williamson erregt ins Mikrofon schimpft, versucht Fearn neben ihm gar nicht erst den Eindruck zu erwecken, als ob er irgendetwas live darbieten würde. Er lässt lediglich seinen Laptop vor sich hin pluckern und schwankt und schaukelt dazu, eine Hand in der Hosentasche, wie ein angetrunkener Kneipentänzer herum: Punkrock für das 21. Jahrhundert.

In dem Video zu „Tied Up in Nottz“, wiederum, sitzen die beiden auf den hintersten Sitzen eines fast leeren Busses, der langsam durch die Stadt fährt. Jason Williamson trägt ein bis zum Hals zugeknöpftes hellgraues Hemd und deklamiert leicht wackelnd seinen Text; Andrew Fearn spielt auf zwei Mobiltelefonen gleichzeitig herum und zieht gelegentlich an einer Elektrozigarette. Zum Schluss kommt der Bus so zum Stehen, dass man neben dem Sänger auf ein Fußballfeld blickt, auf dem perspektivlose Jugendliche müde vor leeren Rängen herumkicken. Auch aus denen wird garantiert mal nichts werden. Auch hier: keine Hoffnung, nirgends.

Sleaford Mods: Divide And Exit (Harbinger Sound/Cargo)
Konzerte: 12.5., Esslingen; 13.5., Duisburg; 14.5., Siegen; 15.5. Münster; 16.+17.5, Hamburg; 18.5., Berlin

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