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Sido und Bushido Es geht nicht um Versöhnung

Sido und Bushihdo haben ihre Rivalitäten begraben und ein gemeinsames Album herausgebracht. Im Interview sprechen sie über Krieg und Frieden, Peter Maffay, Aggro Berlin und ihr Album „23“.

13.10.2011 17:02
Marcus Staiger
„Vier Monate Vertrag verhandelt, sechs Wochen Musik gemacht“: Sido (l.) und Bushido. Foto: Murat Aslan

Die sind die erfolgreichsten Rapper des letzten Jahrzehnts: Sido und Bushido begannen ihre Karriere 2001 bei dem Label Aggro Berlin, gingen aber bald getrennte Wege. Bushido gründete seine Firma ersguterjunge und wurde zum beliebtesten und meistdiskutierten Gangstarapper; Sido arbeitete sich mit Alben wie „Maske“ und „Ich“ in den musikalischen Mainstream vor; zwischendurch beschimpften sich beide ausgiebig, beleidigten ihre Mütter und bezichtigten sich der Homosexualität – bis sie in diesem Sommer plötzlich ihre Versöhnung verkündeten. Morgen erscheint unter dem Titel „23“ (Sony Music) sogar ein gemeinsames Album der beiden.

So, ich habe jetzt das Album gehört. Ist ja geil.

Sido: (überrascht) Wann hast Du es denn gehört? Wo? (schaut erschrocken den Vertreter der Plattenfirma an)

Nein, war nur Spaß.

Sido: (lacht erleichtert)

Gut, aber dass es vor dem Interview nichts zu hören gab, hinterlässt doch den Eindruck, dass es in Wirklichkeit nicht um die Musik geht.

Sido: In Interviews geht’s leider selten um die Musik. Deshalb ersparen wir uns das lieber. Ehrlich gesagt, hätte ich gewusst, dass du kommst, dann hätte ich Dir auch was gezeigt.

Worum geht es denn thematisch bei diesem Album?

Sido: Es geht nicht um die Versöhnung oder irgendwas. Es gibt einen Song – gleich der erste –, der das kurz anspricht und abhakt.

Bushido: Du musst aber auch entschuldigen, wir machen ja ziemlich lange Musik, und wir hatten noch nie jemanden in den Interviews, der sich wirklich für Musik interessiert.

Wie arbeitet man zusammen, wenn man zwei so unterschiedliche und dann wiederum so ähnliche Karrieren hinter sich hat?

Sido: Wir hatten ehrlich keine Zeit, uns einen Kopf darüber zu machen. Wir hatten auf einmal einen hoch dotierten Deal für ein Album und wussten nicht, wie wir das Ding angehen. Ich hatte nicht vor, mir eine Lederjacke anzuziehen und den Kragen hochzuklappen, und er hatte nicht vor, im nächsten Video im Clownskostüm aufzukreuzen.

Bushido: Wir hatten ein hochmotiviertes Team um uns herum. Die Leute von Sony, die sehr viel investiert haben und jetzt dementsprechend unter Druck stehen, unsere Anwälte, unser Umfeld und alle haben vier Monate gearbeitet, und plötzlich haben uns alle angeguckt: Jetzt macht mal! Dann saßen wir im Studio und haben den ersten Song gemacht, und irgendwann ist es dann einfach nur geflutscht.

Sido: Ein zwei Ansprüche hatten wir noch, für die Features, wir wollten natürlich noch irgendwas Besonderes für das Album haben.

Etwa Peter Maffay, der ist als Gast dabei. Warum gerade der?

Sido (gerät ins Stottern): Ja, das ist doch eine krasse Sache. Peter Maffay, der Typ ist auf jeden Fall ne Nummer. Ich muss so ehrlich sein und sagen, als ich von der Songidee zum ersten Mal gehört habe, ist mir schlecht geworden. Ich dachte, ach du Scheiße, was ist das für ein Lied, es ist ja schon eher auf Bushidos Mist gewachsen, der hat das Maffay-Sample ausgegraben.

Bushido: Zum Glück hatte ich mit Karel Gott schon mal so ein Schwergewicht, wo man halt gucken musste, wie kriegt man das auf HipHop-Schiene gebacken, und hier war das genau dasselbe. Nach drei Wochen wollte ich den Song wegschmeißen, weil ich Depressionen bekommen habe von dem scheiß Lied. Ich war dann auch abgetörnt von dem ganzen Rechtlichen, weil: Man braucht ja auch ne Verlagsfreigabe, und wer fragt an? Sido und Bushido, zwei Typen, die eigentlich sofort im Mülleimer landen. Als wir dann aber die Freigabe hatten und ich mitbekam, dass Peter das auch geil findet, habe ich ihn direkt gefragt, ob er das für uns singt. und er meinte, ja, mach ich.

Ist diese Anerkennung von einem etablierten Musiker wichtig?

Sido: Dass der tatsächlich auf dem Weg nach Kopenhagen mit seinem Koffer da ins Studio kommt für drei Stunden und selber einsingt, das finde ich schon krass.

Bushido: Es gehört eine Menge Überwindung und ein sehr offener Horizont dazu, um mit einem Sido oder einem Bushido unvoreingenommen umzugehen.

Sido: Es kann ja wirklich sein, dass der Typ sich damit ein paar Imageschäden einfängt.

Bushido: Stell dir mal vor, ein Pressetermin mit uns dreien zusammen, und dann kommt ein ganz toller fuchsiger Interviewer und sagt: Ja, Herr Maffay, Sie wissen aber schon: Sido ist drogenabhängig und Bushido ein homophober Antisemit. Dann wäre der ganz schön in Erklärungsnot.

Zurück zu euch beiden. Hattet Ihr negative Gefühle gegeneinander während der Zeit im Studio?

Sido: Wir haben das eigentlich nie thematisiert. Wir beide haben uns die Hand gegeben und für uns war die Sache gegessen.

Ist das eine Alterssache, dass man zu so einem Schluss kommt?

Sido: Ich glaube schon. Dieses Streitding ist kein Element meiner Musik mehr – was es früher definitiv mal gewesen ist. Solche Leute wie wir beide haben das gezüchtet in Deutschland, muss ich ganz ehrlich sagen. Dass Leute denken, dass sie in ihrer ersten Single erstmal alle großen Rapper dissen und damit berühmt werden, das haben wir etabliert. Bei uns hat das auch funktioniert – aber bei keinem danach! Deshalb hoffe ich auch, diese anderen Rapperchen lassen sich von unserem Beispiel inspirieren und machen in Zukunft nur noch Musik. Deshalb ist das Album auch nur – „nur“ in Anführungsstrichen – Musik geworden.

Ist es tatsächlich nur Musik oder nicht auch das Joint Venture zweier erfolgreicher Geschäftsmänner?

Bushido: Klar. Wenn es in Deutschland zwei Rap-Geschäftsideen gibt, die laufen, dann ist es die Maschinerie Sido mit allem, was da dran hängt, und dann natürlich ich. Vertragen ist schön und gut, aber wir können auf diese Weise auch den einen oder anderen Euro machen, und das ist für uns definitiv wichtig. Sage ich Dir klipp und klar.

Sido: Wenn man mit unseren beiden Namen einen Deal shoppen geht, kann man jede Plattenfirma fragen, und die kämpfen alle darum, dass sie den Deal bitte bekommen.

Bushido: Ich liebe es ja, Geschäfte zu machen.

Sido, du auch?

Sido: Nö. Natürlich hab ich das Ergebnis von so einem Geschäft gern, aber das Geschäft selber machen, das ist nicht mein Ding. Bushido ist da wirklich tief drin, der schreibt ja E-Mails selbst und antwortet auch innerhalb von zehn Minuten und solche Sachen.

Hast du dann überhaupt noch Zeit dazu, Texte zu schreiben?

Bushido: Ja, aber zum Glück muss ich das nicht so oft machen. Wir haben vier Monate Vertrag verhandelt und sechs Wochen Musik gemacht. Musik ist ungefähr 20 Prozent, und Geschäft ist 80 Prozent.

Ist das Album jetzt eigentlich das finale Statement einer musikalischen Ära geworden?

Sido: Auf jeden Fall schließt das Album die Ära Aggro Berlin ab. Specter (Aggro-Firmengründer, Anm. d. Red.) hat ja sogar das Video gedreht, und es ist sein Meisterwerk. Er hat sich nochmal ein Denkmal gesetzt mit diesem Video. Es ist das beste Video, das er jemals gedreht hat. Bushido und ich haben Aggro Berlin ins Rollen gebracht, mit Specter zusammen, eigentlich waren wir drei das Team, der Kern. Also finde ich das einen guten Abschluss für diese Ära, dass wir drei das Video machen und wir beide das Album. Das war uns wichtig, dass wir die Ära Aggro Berlin zu einem guten Schluss bringen.

Bushido: Lustig ist ja auch die eine Anzeige von Aggro Berlin mit dem Grabstein, wo das Gründungsjahr eingraviert war, aber nicht das Todesjahr. Das könnte Specter jetzt ändern. Alles hat gepasst. Vieles ist zufällig gekommen, und auch die Idee mit Specter ist zufällig entstanden, aber am Ende hat alles gepasst, und es ergibt alles Sinn. Es ist wenigstens alles sehr schlüssig, sagen wir es mal so.

Das Gespräch führte Marcus Staiger.

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