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"Shadows in the Night" Bob Dylan singt Sinatra-Songs

Hat er plötzlich Singen gelernt? Auf seinem neuen Album "Shadows in the Night" widmet sich Bob Dylan einigen Songs, die auch von Frank Sinatra interpretiert wurden. Herausgekommen ist eine gelungene, kein bisschen verkünstelte Hommage ans große amerikanische Liedgut.

Bob Dylan, hier als Bob Dylan. Foto: REUTERS

Dieses Album ist ein kleiner Schock. Fast ist es mit seinen insgesamt nur 36 Minuten Dauer, zehn Songs, schon wieder vorbei, ehe man beim ersten Hören begreift: dass man einfach nicht erwartet hat, dieses Album zu mögen. Dass man es aber nun mag. Tatsächlich und sehr sogar. Denn es ist nicht, wie geargwöhnt, der aus Altersstarrsinn eingeschlagene Abweg einer Legende. Es ist die wundersam geglückte Überraschung eines Mannes, der schon für einige Überraschungen und Abwege gut war; manche davon durchaus befremdlich. Die Rede ist von „Shadows in the Night“ von Bob Dylan, produziert von ihm selbst unter seinem Pseudonym Jack Frost.

Bob Dylan singt Sinatra, raunte es vorab. Ist er von allen guten Geistern verlassen? Aber nein, Bob Dylan singt nicht Sinatra, er singt nur einige Lieder auf der CD, die unter anderen – manchmal unter vielen anderen – von Frank Sinatra interpretiert wurden. Aber Dylan singt sie als Dylan.

Als eine persönliche, kein bisschen verkünstelte Hommage an großes, großartiges amerikanisches Liedgut. Dylan hat sich die Songs von Cy Coleman, Oscar Hammerstein und Richard Rodgers, Joel Herron, Buddy Kaye, Irving Berlin und anderen ganz und gar zu eigen gemacht, gleichsam zu Herzen genommen und von dort aus weitergegeben. Sie klingen nicht nach Dylan, jedenfalls nicht nach dem typischen Dylan. Aber sie klingen doch auch, als sei es das Natürlichste auf der Welt, dass der berühmteste Nicht-Sänger unter den Singer/Songwritern plötzlich äußerst respektabel singt.

Stimme mit Honig gepflegt

Wo hat Dylan auf seine gar nicht mehr jungen Tage so singen gelernt? Unvergessen Konzerte, bei denen er seine Lieder so vernuschelte, vermurmelte, vergurgelte, verkrächzte, dazu die Musik so durch den Fleischwolf drehte, dass kaum eine Identifizierung der Titel gelang. Auf „Shadows in the Night“ aber versteht man jedes Wort. Und statt mit Reißnägeln muss Dylan seine Stimme diesmal mit Honig gepflegt haben. Es ist trotzdem eine reife, angeraute, manchmal eine alte, ein wenig brechende Stimme. Das macht nichts, im Gegenteil. Das gelebte Leben darf zu hören sein, wie es etwa in Johnny Cashs Alterswerk zu hören war.

Dylan, auch das ungewöhnlich, konzentriert sich bei „Shadows in the Night“ komplett aufs Singen. Seine kleine Band auf einen prunklos eleganten, zarten Teppich, in dem die wehmütige Pedal Steel von Donny Herron dominiert. Obwohl dominiert eigentlich das falsche Wort ist für die pure Zurückhaltung aller fünf Musiker (dazu bei drei Titeln noch dezente Bläser): neben Herron sind das Tony Garnier am Bass, Charlie Sexton und Stu Kimball, Gitarre, und George G. Receli, Schlagzeug. Es gibt keinen lauten, aggressiven Ton auf diesem Album. Es ist ein sanftes Weben und Swingen um Dylans Stimme, eine behutsame Melancholie, die der Sänger mit einer weiteren Schicht gedämpfter Farben bemalen kann.

Es beginnt mit dem mitteltraurigen Liebeslied „I’m a Fool to Want You“, geschrieben in den 50ern von Joel Herron, Jack Wolf und Frank Sinatra, geht weiter mit dem allein zurückbleibenden Liebenden von „The Night We Called It a Day“. Herzzerreißend die still-intensive Interpretation von „Stay With Me“ von Jerome Moross und Carolyn Leigh: „Should my heart not be humble, should my eyes fail to see, / Should my feet sometimes stumble on the way, stay with me. (…) I grow cold, I grow weary, and I know I have sinned, / And I go seeking shelter and I cry in the wind“. Aus den 40ern sind die meisten der Lieder. Aber auch Berlins „What’ll I Do“ von 1923 hat sich Dylan ausgesucht, noch ein trauriges Liebeslied, in dem der Sprecher „blue“ ist und nurmehr ein Foto der Geliebten hat. Und, nicht überraschend, die in vielen Versionen existierenden „Autumn Leaves“ fügen sich wunderbar, fast zwingend dazu sowie „Some Enchanted Evening“, ein verzauberter Abend.

Eine Überraschung

Und weil auf diesem Album eigentlich alles stimmt, stimmt auch die Dramaturgie und endet Dylan mit dem bewegenden „That Lucky Old Sun“ (1949, Beasley Smith, Haven Gillespie), dem Lied eines müden alten Mannes. „Good Lord above, can’t you know I’m pinin’ / Tears all in my eyes“, heißt es darin, und weiter: „Send down that cloud with a silver lining /Lift me to Paradise“. Sammy Davis Jr. und Ray Charles haben dieses Lied schon gesungen, Willie Nelson und Johnny Cash, Louis Armstrong und Sarah Vaughan.

Es ist eine Überraschung, es ist immer noch ein kleiner Schock, aber man wünscht sich, Bob Dylan zuhörend, in diesem Moment keinen anderen Interpreten.

Bob Dylan: Shadows in the Night. Columbia Records.

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