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Schutzlose Menschenwesen

Deutsche Erstaufführung von Aribert Reimanns „Medea“ in der Oper Frankfurt

Die Nacht scheint vorbei, Medea setzt ihre Hoffnung auf das Licht, das der Entschleierung und der Wahrheit dienen soll, und am liebsten würde sie wohl Griechin werden und mit Jason und ihren Kindern zufrieden irgendwo bei Korinth leben. Doch die Hoffnung erfüllt sich nicht, sie entsprang nur einem Traum, der am Ende ausgeträumt ist, und die Nacht dauert an. Man hört sie in Aribert Reimanns „Medea“ vom ersten Takt an: verschattete Perkussionsklänge, dunkle Bläserfarben. Auf der Bühne gibt es eine dunkelgraue Steinlandschaft, in der die Nacht zu Hause ist.

Marco Arturo Marellis Bühnenbild ist von Vulkanlandschaften auf Lanzarote inspiriert, wo auch Aribert Reimann große Teile der „Medea“ schrieb; so dass die Übereinstimmung zwischen Autor und Regie bei dieser deutschen Erstaufführung beträchtlich ausfällt. Die Uraufführung fand im Februar in Wien statt, die koproduzierende Frankfurter Oper hat Marellis Inszenierung und Dagmar Niefinds Kostüm-Konstellation übernommen.

Reimanns Oper ist von einer intensiven Hochspannung geprägt und von krassen Gegensätzen, optischen wie akustischen. Hoch über der steinigen Vulkanlandschaft schiebt sich ein Glasquader ins Bild, der Ort der höheren irdischen Mächte, die Schutz gewähren oder verwehren, und wo am Ende ein Feuer die Königstochter Kreusa verbrennt. Medea ist in dieser Dauernacht, unter dieser Glaskastenherrschaft das schutzloseste aller Menschenwesen, mit ihrer Vergangenheit, ihren widersprüchlichen Wünschen, ihren Kindern und ihrem intakten Mutterinstinkt.

Claudia Barainsky in der Titelrolle gelingt es, der Inszenierung eine starke eigene Färbung zu geben. Als Medea hat sie fast eine Netto-Stunde lang zu singen, und nichts davon ist einfach: Nirgends gibt es sprachanaloge Phrasierungen, immer wieder schwierigste Intervalle, und ständig huschen komplizierte Melismen wie nervöse Schauer durch das Linienwerk ihres Gesangs, biegen und dehnen die Silben und ihren Sinn. Claudia Barainsky findet und beherrscht dabei in jedem Moment den emotionalen Ausdruck, ihre Stimmführung ist von lupenreiner Klarheit durch die Oktaven, und mit großer spielerischer Energie gibt sie der Medea eine kraftvolle Präsenz. Auch in größter Anpassungs- und Unterwerfungsbereitschaft unter die Normen eines sauberen Griechentums gibt sie den Kern ihrer Persönlichkeit nicht preis; die Fremdheit, die man ihr von überall zurückspiegelt, bleibt ein Moment des Eigensinns und der Stärke.

An dieser Medea beißen sich der herrscherliche Kreon (Michael Baba) und seine erst überhebliche, später schüchterne Tochter Kreusa (Paula Murrihy) die Zähne aus, und Jason (Michael Nagy) muss alles aufbieten, was er kann und hat, um neben diesem Energiezentrum zu bestehen. Nur die Amme Gora (Tanja Ariane Baumgartner) teilt mit Medea die Energiequelle und repräsentiert das alte Kolchis. Der Herold dagegen (Tim Severloh) ist mit seinem virilen, koloratursicheren und energiegeladenen Alt ein machtvoller Vertreter des Griechentums auf der Bühne, ein vehementer Exponent der Desintegration des dramatischen Geschehens.

Das Orchester weiß alles früher und besser als alle anderen

Und es gibt noch ein Machtzentrum in dem Stück und auf der Bühne, das gewichtig wie eine Hauptperson agiert und immer wieder die Rolle des Tragödien-Chors übernimmt, das Frankfurter Opern-Orchester unter der souveränen Leitung von Erik Nielsen. Reimann hat nicht nur die sängerischen Maßstäbe hoch angesetzt, er hat auch die spielerischen Anforderungen für das Orchester hoch geschraubt.

Das Orchester in Reimanns „Medea“ weiß, als handelnde Person, alles besser und früher als andere, es bereitet Szenen vor, hält Vergangenes präsent und Ahnungen über der Wahrnehmungsschwelle, es klagt und explodiert, es verzagt, bohrt, und schwelgt in kurzen, instabilen Klang-Idyllen. Es muss sich, mit einer starken Perkussionisten-Mannschaft aufgerüstet, mit komplizierten rhythmischen Phrasierungen und Schichtungen befassen; immer wieder sind in der Bläsersektion solistische Passagen von hohen Schwierigkeitsgraden zu spielen, absolute Genauigkeit ist bei den prägnant verschobenen metrischen Schwerpunkten ebenso wichtig wie dynamische Präzision und eine feinsinnige Verteilung der Energien im Klangraum, und bei all dem gelingt noch eine sorgfältige Gestaltung der Farben und Flächen und aufreißenden Zusammenhänge. Das Frankfurter Opernorchester beweist bei dieser Produktion eine Kompetenz im Umgang mit einem zeitgenössischen Werk und ein Maß an selbstregulierender Musikalität, wie man das in Opernhäusern nicht sehr oft erleben kann.

Trotz aller Tragik ist Reimanns Oper weniger von einer Handlung geprägt als von einem schicksalshaften Zusammenhang, der sich früh entfaltet und dann facettenreich und unaufhaltsam seinen Weg nimmt. Es ist eine zeitgemäße Arbeit an einem alten Mythos, die aus den Themen der Fremdheit und des Eigensinns eine nachdrückliche Gegenwärtigkeit gewinnt und über mehrere Wege den Kontakt zum Gefühlshaushalt des Publikums sucht. Und findet.

Oper Frankfurt, 12., 17., 25. September, 8., 16. Oktober. www.oper-frankfurt.de

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