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Schneider verlässt Berliner Konzerthaus Eine Frage der Kunstmoral

Nach 17 Jahren verlässt der Intendant Frank Schneider das Berliner Konzerthaus: Ein Roman würde kaum genügen, um all die Wechselfälle und Kuriositäten seines Lebens zu schildern. Von Jürgen Otten

03.07.2009 00:07
JÜRGEN OTTEN
Frank Schneider, Berliner Konzerthaus-Intendant. Foto: Christian Nielinger

Etwas ist anders als früher, im Büro des Intendanten. Zwar steht der Flügel noch in der Ecke. Aber da ist kein Qualm, kein Aschenbecher, nichts. Der Professor raucht nicht mehr. Sein Arzt hat es ihm verboten. Also hat Frank Schneider etwas getan, wofür er eigentlich nie geeignet war: Er hat gehorcht, von heute auf morgen die Kippen weggelassen.

Andererseits: Es passt zu ihm. Immer wenn sich die Bedingungen der Welt veränderten, wusste er eine Antwort. Und stets schwang ein bisschen Widerstand gegen die normative Kraft des Wirklichen mit, gegen den determinierten Lauf der Dinge. Warum das so war und noch so ist, vermag Schneider selbst nicht zu sagen. Nur so viel weiß er: Dass er eben auf seinem Gebiet sehr bewandert ist. Und trotzdem großes Glück hatte.

Ein Roman würde kaum genügen, um all die Wechselfälle und Kuriositäten seines Lebens zu schildern. Man muss einiges weglassen und versuchen, das Konkrete herauszufiltern. Wie jenen Anruf irgendwann im Jahr 1991, der sich schicksalhaft auf die Laufbahn des Geisteswissenschaftlers auswirkte, dessen Schriften über die Musik der DDR mehr als tausend Seiten umfassen. Gerade hatte Schneider die "Wende" überstanden, stand kurz davor, eine Professur für Musikgeschichte an der Musikhochschule Freiburg zu übernehmen, da sah er sich plötzlich vor die Frage gestellt: Lieben Sie es bequem oder unbequem?

Kurzum: Man trug ihm die Leitung des Schauspielhauses am Berliner Gendarmenmarkt an, das am 24. Mai 1821 mit Goethes "Iphigenie auf Tauris" eröffnet wurde und heute Konzerthaus heißt. Schneiders erste Reaktion war so typisch wie die zweite. Die erste Reaktion war: Ich kann das nicht, ich habe es noch nie gemacht. Die zweite: Dann lerne ich das eben. Sagte es, bekam den Posten und hielt sich dort über 17 Jahre lang, nicht selten gegen erhebliche Widerstände - und mit dem resümierenden Wissen, dass er als Programmdirektor angefangen hat und als Geldbeschaffer aufhört und trotzdem nicht enttäuscht ist, weil er doch etwas erreicht hat. Berühmt geworden ist ein Satz, den Schneider anlässlich des Falls von Lothar Zagrosek, Noch-Chefdirigent des Konzerthausorchesters, prägte: "Meine Krise ist die Kulturbürokratie".

Er beklagt die Bildungslosigkeit im Lande

Gemeint ist diejenige des Landes Berlin. Obschon er Verständnis hat für die finanzielle Malaise der Hauptstadt, so bringt Schneider eines vor allem immer noch in Wallung: das genuin mangelhafte Verständnis für den Sinn von Kultur und Kunst. Es ist die "Bildungslosigkeit" im Lande, die verbunden ist mit dem Hang zur Eventkultur, die im Zeitalter der totalen Beschleunigung das eine Ereignis schon vergessen hat, bevor das nächste überhaupt avisiert werden kann. Es ist dieser unglaubliche Verlust an ästhetischen Begriffen, der Verlust an Geist. Um das Dilemma zu verdeutlichen, zitiert Frank Schneider Hölderlin: "Nichts Wichtiges ist unser Singen, aber zum Leben gehört es".

Dass es so ist, hat er früh erkannt, damals, nach dem Krieg, dessen Resultat der Großvater auf der östlichen Seite des Landes so bündig wie treffend zusammenfasste: "Ja, mein Junge, jetzt haben wir Sozialismus."

Sozialismus hin, Arbeiter- und Bauernstaat her, der hochbegabte, 1942 im sächsischen Großerkmannsdorf geborene Knabe, der beim Klavierüben heimlich Bocaccios "Decamerone" liest, bis es die Mutter errötend bemerkt, er weiß, dass er Architekt werden will. Ebenso ist er sich bald gewiss, dass die DDR ihn "weidlich ankotzt", obschon er durch eine beinahe Schwejksche Schlauheit den Staat immer wieder auszunutzen wusste. Ein erstes Schlüsselerlebnis ist das "unbotmäßige Läuten der Kirchenglocken zur Unzeit", das zweite der Vorwurf der "Unterhöhlung des sozialistischen Gedankengutes durch kirchliche Gesänge", nachdem in der Deutschstunde das vom Schüler Schneider einstudierte "Ave verum Corpus" von Mozart erklungen ist.

Zum Glück gibt es die Musik

Welch ein Glück für den jungen Rebellen, dass es die Musik gibt. 1961 geht er nach Dresden, um Dirigieren zu studieren. Im vierten Studienjahr hindert ihn seine stark geminderte Sehkraft daran weiterzumachen. Schneider geht nach Berlin an die Humboldt-Universität, wird Schüler von Georg Knepler, steht aber bald vor einem neuen Problem: Für eine Universitäts-Karriere müsste er in die Partei eintreten. Schneider tritt lieber hinaus auf die Straße - und landet gleich gegenüber in der Komischen Oper, wo Walter Felsenstein unumschränkt herrscht und wo es unter rund 800 Mitarbeiten nur 37 Genossen gibt. 1975 wird Schneider dort Dramaturg, um fünf Jahre später an die Akademie der Wissenschaften zu wechseln.

Das dort angesiedelte Institut für Kunstwissenschaften ist ein Paradies für Narren und andere kluge Leute. Schneider nutzt die Zeit. Er schreibt Bücher, die noch heute Gültigkeit haben, er ediert Schriften von Berg und Schönberg, er habilitiert sich, baut ein Haus im Grünen und erhält die Erlaubnis, in den Westen zu reisen, unter anderen, um - durch Vermittlung von Carl Dahlhaus - in Thurnau nahe Bayreuth an einem Musiktheaterlexikon mitzuwirken. So verpasst er den Mauerfall.

Im Rückblick, sagt Schneider, sei dies vielleicht die schönste, weil freieste Zeit gewesen. Aber nie würde er sein Wirken im Konzerthaus, jenem Prachtbau Schinkels, der, weil er unter der Ägide der in der DDR über die Maßen mächtigen Ursula Rackwitz stand, auch "Uschis Spieldose" genannt wurde, als ein uninteressantes bewerten. Allein die sieben Kultursenatoren, die er in dieser Zeit hat kommen und gehen sah, wären ein eigenes Kapitel wert. Und so unterschiedlich sie waren, eines verband sie: die unterschwellige Abneigung gegen den Musentempel in Berlins Mitte, der nicht genügend glänzte.

Glanz, sagt Frank Schneider, sei etwas Äußerliches, mithin Überflüssiges, führe logischerweise zu Kunst als entspannendem Dekorum. Ihm ging es dagegen immer um das Innenleben, um das, was er Kunstmoral nennt: um die Frage, was Musik im Herzen und vor allem im Verstand bewegen, was sie womöglich positiv verändern kann; da denkt und agiert er ganz im Sinne des deutschen Idealismus.

Zwar sei die gute Idee, das Konzerthaus als Experimentierstätte zu etablieren, letztlich fragmentarisch, ja fast utopisch geblieben. Gleichwohl habe es erfolgversprechende Ansätze gegeben; das Konzerthaus ist als Hort der zeitgenössischen Musik anerkannt und verfügt über das größte musikalische Nachwuchsprogramm bundesweit.

Vieles von dem wäre ohne seine Hartnäckigkeit, ohne sein diplomatisches Geschick so nicht möglich geworden. Und vermutlich stünde auch das Konzerthaus Berlin nicht gar so wacker im Wind, wenn er es nicht hier und da mit großem Geschick beschirmt und bewahrt hätte.

Dennoch weiß auch Frank Schneider, dass man gerade in Berlin gegen die lokale wie bundesweite (Kultur-)Politik kaum ankommt, wenn man nicht den richtigen, will sagen: prominenten Namen hat und über entsprechende persönliche Verbindungen gebietet. Gerade deswegen erfüllt es ihn dann doch wohl mit Stolz, dass er neben dem anderen Frank (Castorf) der einzige Ossi ist, der es geschafft hat. "Ich gehe mit großer Gelassenheit in die dritte Lebensphase", sagt Schneider.

Das Einzige, was ihm jetzt noch fehlt, ist die Zigarette.

Am Montag, 6. Juli, wird Frank Schneider im Rahmen eines Empfangs des Regierenden Bürgermeisters, Klaus Wowereit, aus seinem Amt verabschiedet.

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