Lade Inhalte...

Sampha Trost durch das Klavier

Am Ende eines langen, schwierigen Weges: Das überzeugende Debütalbum „Process“ des schüchternen Londoner Vorstadtjungen Sampha.

Sampha. Foto: Beggars Group

Wenn der Mann am Klavier über den Mann am Klavier singt, wirkt das oft ein wenig selbstgefällig. Man denke nur an Billy Joels „Piano Man“ oder – falls sie ein lokales Beispiel bevorzugen – AnnenMayKantereits „Barfuß am Klavier“. Und das Klavier als Metapher? Führt zu Kitsch wie „Ebony & Ivory“, dem gut gemeinten Fehlschlag der Granden Stevie Wonder und Paul McCartney. Alles gute Gründe, Sampha Sisays Klavierballade „(No One Knows Me) Like the Piano“ mit spitzen Fingern anzufassen. Doch spätestens, wenn nach einer halben Minute Samphas brüchige, im flüsternden Falsett ganz sacht ans Innerste rührende Stimme einsetzt, lässt man jede geschmäcklerische Vorsicht fahren. Wem hier nicht der Kloß im Hals schwillt, dem ist mit Musik auch nicht mehr zu helfen. Dazu muss man noch nicht mal die Geschichte zum Lied kennen.

Da Gedrucktes leider stumm bleiben muss, wollen wir sie an dieser Stelle dennoch erzählen: Sampha Sisay wuchs im Haus seiner Eltern, Einwanderer aus Sierra Leone, als jüngster von fünf Brüdern in Morden auf, an der südlichen Endstation von Londons Northern Line. Als er drei Jahre alt war, fiel ein Klavier vom Himmel. So, singt er im Lied, kam es ihm jedenfalls vor.

Tatsächlich hatte sein Vater das Instrument ins Haus geholt, ein Musikenthusiast, der seinen Kindern jede Woche ein neues Album vorstellte. Dann, Sampha war neun Jahre alt, starb der Vater an Lungenkrebs. Da hatte sich der Sohn längst das Spielen beigebracht. Bald würde er seine Aufmerksamkeit auf Musik-Software lenken, an Beats basteln, die er auf MySpace veröffentlichte. So wurde die urbane Welt nach und nach auf den Vorortjungen aufmerksam. Bald produzierte er mit und sang für Londoner Szene-Größen wie Jessie Ware und SBTRKT. Kurz darauf adoptierten ihn Amerikas Superstars. Beyoncé lieh sich seine Stimme für ihr selbstbetiteltes 2013er Album, Drake sampelte seinen Song „Too Much“ auf „Nothing Was the Same“ und lud ihn als Gastsänger ein. Von da an hieß es „Willkommen im Club“ und der schüchterne Brite fand sich in Studios mit den Besten und Kreativsten, mit Kanye West, FKA Twigs, Solange und Frank Ocean wieder.

Eigentlich hätte er längst selbst ein Star sein sollen. Doch dann erkrankte auch seine Mutter an Krebs, und Sampha zog zurück in das Haus seiner Kindheit, pflegte sie, bis sie starb, und tröstete sich am Klavier, eben jenem Instrument, das ihm als Kind gezeigt hatte, dass er eine Seele besaß. Davon also erzählt „(Nobody Knows Me) Like the Piano“ in wenigen Worten, und von seiner Trauer und seinem langsamen Weg zurück ins Leben erzählt sein Debütalbum „Process“.

Er fühle sich wie Plastik, das in der Sonne schmilzt, klagt Sampha gleich im ersten Song. Im nächsten jagen ihn ungenannte Furien, die, so singt er, das Blut riechen können, das an ihm klebt. Im dritten fleht er die Engel an, seine Mutter nicht einfach verschwinden zu lassen. Es ist, wenn man so will, ein emotionales Konzeptalbum geworden, mit dem Sänger als Orpheus in der Unterwelt. Der sich als sein eigener Produzent allerdings ein Korsett von ausgeklügelten HipHop- und Post-Dubstep-Beats verpasst hat, gepaart mit einem untrüglichen Gespür für radiotaugliche Melodien, die sofort ins Ohr, aber nach vielmaligem Hören noch nicht auf die Nerven gehen.

Aber Sampha will nicht nur von vielen Menschen gehört werden, er will seinen Schmerz in dieser Masse auflösen. Und letztlich auch sich selbst. Was ihn von all den anderen Männern am Klavier grundlegend unterscheidet.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen