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Sachie Matsushita: "Free" Was tun die Schweine im Weltall?

Das Trio Sachie Matsushita, Vitold Rek, Erwin Ditzner und sein erstaunliches Live-Album „Free“.

07.01.2016 15:34
Hans-Jürgen Linke
Sie waren so frei: Erwin Ditzner (v. l.), Sachie Matsushita und Vitold Rek. Foto: Frank Schindelbeck

Es ist ein purer Glücksfall, wenn so ein erstaunliches Konzert geschieht und dann noch jemand dabei ist, der es kompetent und technisch angemessen aufzeichnet. Das Konzert fand statt im Kölner Loft, einem der mythischen Jazz-Konzerträume der Stadt, und für die Aufnahme verantwortlich zeichnet Christian Heck. Die Band, deren Name das Ergebnis nun ziert, ist ein Trio, das es vorher gar nicht gab: Sachie Matsushita, Klavier, Vitold Rek, Bass, Erwin Ditzner, Schlagwerk.

Die Pianistin Sachie Matsushita hat einige Zeit an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt studiert. Vitold Rek gehört als Musiker und Lehrender seit Menschengedenken zur Rhein-Main-Jazz-Szene, Erwin Ditzner ist ein wenig weiter südlich, im Rhein-Neckar-Raum, beheimatet. Es ist also nicht völlig auszuschließen, dass die drei sich schon vor diesem Abend begegnet sind. Aber das würde nichts erklären.

Die Aufnahme aus dem Loft Köln dokumentiert ein frei improvisiertes Konzert, ein Hinweis auf dem Booklet nennt klar die Umstände: „Das Trio traf sich erstmals am 2. Juli 2014 im Loft Köln. Die Aufnahmen fanden ohne vorherige Absprachen statt und wurden in einer Session ohne Overdubs aufgezeichnet.“ Die so entstandene CD ist also die Verarbeitung eines spontanen Spielprozesses zu einem Artefakt und damit geradezu ein Prototyp dessen, was die Schallplatte für den Jazz sein sollte.

Was heißt schon spontan

Aber was heißt schon „spontan“? Jedenfalls heißt es nicht „voraussetzungslos“, denn die komplexen musikalischen Vorstellungen und Fähigkeiten der drei Musiker sind Ergebnisse intensiver Arbeit und Erfahrung. Freie Improvisation ist nur verstehbar als Prozess, in dem man sich aneinander reibt und sich dabei näher kommt – mal mehr, mal weniger. Und wenn man Glück hat, klingt das Ganze spannend.

Bei der Einspielung „Free“ des Trios Matsushita/Rek/Ditzner ist dieser Prozess wie ein kleines Bühnenstück nachvollziehbar: Jemand fängt an, die anderen warten erst einmal ab, spüren dann die richtigen Zeitpunkte für eigene Einwürfe. Kein Abtasten, kein Hinhalten. Die Sache nimmt Fahrt auf. Man findet gemeinsame Ruhezonen und Beschleunigungsfelder, wartet hier und da mal. Wer vorneweg zieht, wird von Fall zu Fall neu entschieden, aber nie trottet jemand nur hinterher. Das Frappierende an diesem Improvisationsprozess sind die helle, unaufdringliche Wachheit der drei und die jederzeitige Einmischung; die freundliche gegenseitige Verlässlichkeit, die sie sich miteinander erspielen; die intensive Gemeinsamkeit, in der nicht nur interessante Spielprozesse entstehen, sondern ein erstaunlich konsistenter und dabei kleinteilig immer wieder anders zusammengesetzter Klang-Mikrokosmos.

Die einzelnen Stücke der Begegnung entstehen aus Neuansätzen im Spielprozess und sind auf der CD vorbildlich voneinander abgesetzt. Die Titel deuten darauf hin, dass das Album nicht unbedingt den chronologischen Verlauf des Konzerts abbildet – das Erste Stück etwa heißt „Free 5“, erst das fünfte trägt den Titel „Free 1“, die Nummern 7 und 8 scheinen sich halbwegs konsequent auf das Schlussstück „Schlitztrommel“ zuzubewegen, und was die „Schweine im Weltall“ tun, ist eine sehr offene, aber überaus klangvolle Frage.

Sachie Matsushita: Free. Fixcel Records 11. www.fixcelrecords.com

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