Lade Inhalte...

S O H N Wo sich Rauheit und Schliff zusammentun

Verlorene Liebe und überhaupt die Verlorenheit: Christopher Taylor spielt opulent und cool im Frankfurter Gibson auf.

Ein außergewöhnliches Bild für ein Popkonzert. Drei Musiker sitzen im Halbkreis an ihren Pulten, den ganzen Abend über ohne große äußerliche Regungen. Und doch wirkt das Konzert prall, nicht zuletzt wegen der meist rot, mal auch grün verhangenen Gegenlichteffekte im Nebel. Und natürlich weil die Songs wahrhaftig hinreißend sind. Ein Maß Gefälligkeit eingeschlossen.

Immer wieder geht es um verlorene Liebe, was man buchstäblich verstehen kann, oder im neoromantischen Sinne großer Verlorenheit. Als der gebürtige Londoner Christopher Taylor, der als S O H N – nur echt in Versalien mit Abständen – firmiert, 2012 mit einem ersten Song über Soundcloud die Weltbühne der Popmusik betrat, wurde er gleich als große Hoffnung gefeiert. Er bekam einen Remix-Auftrag für Lana Del Rey und alsbald auch einem Vertrag beim renommierten Londoner Indielabel 4AD.

Noch hören dürfte man auch von dem jungen Elektropopduo Under Her, das das Konzert im Frankfurter Gibson eröffnete. Auf Grundlage des althergebrachten Modells „Elektronikproduzent (männlich) trifft reizvolle Stimme (weiblich)“ werden folkhafte Melodien inszeniert mit schleppenden Beats und Anleihen beim House. Große Klasse – und ausgesprochen sympathisch.

Eine gewisse Rauheit und zugleich ein Oberflächenschliff des Sounds, das stellt – erst recht im Konzert – bei S O H N keinen Widerspruch dar. „Oscillate“, der Titel der ersten Nummer, die Taylor ein paar Jahre nach dem Ende seiner Alternative-Rockband Trouble Over Tokyo im Sommer 2012 als S O H N veröffentlichte, lässt sich auch programmatisch auslegen. Stetig oszilliert das Klangbild, zwischen einer basslastigen Langsamkeit und gleißenden Synthieriffs, Dubeffekten und zum Stottern gebrachten Chorsamples und mal auch einer von Elektrostreichern gesäumten Klavierballade. Über allem liegt die, sagen wir mal: eher gefühlvoll aufgeklärt männliche Falsettstimme Taylors, der im Übrigen Synthesizer und Sampler bedient, selten auch Gitarre spielt; hinzu kommen ein weiterer Keyboarder sowie der Spieler eines teilelektronischen Schlagzeugs. Der Autotuneeffekt wird wohltuend zurückhaltend eingesetzt.

Die musikalische Textur wirkt opulent und weder so überirdisch entrückt noch so abstrahiert wie bei dem im Zusammenhang mit S O H N häufig genannten James Blake. Eine Reihe von geläufigen Nummern vom Debüt „Tremors“ (2014) wie auch dem vor gut einem Jahr herausgebrachten zweiten Album „Rennen“ wird vom Publikum mit einem Applaus des Wiedererkennens gefeiert.

Häufig singt der Strickmützenmann Dinge wie „If you’re thinking of letting me go then it’s time that you do“, gerne auch beschwörend. Erst zum Schluss hin eine Wende zu ein paar hymnischen Tanznummern – nicht seine stärkste Seite. Man kann mit Blick auf S O H N auch von zeitgenössischem Croonertum sprechen, mit einer heutigen Form von „großen“ Arrangements.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen