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„Rosenkavalier“ in Wiesbaden Die Metamorphose der Moderne

Ein rundum geglückter „Rosenkavalier“, inszeniert von Renate Ackermann in Wiesbaden.

20.03.2011 21:39
Bernhard Uske
Zwei Phänomenale: Merit Ostermann, Emma Pearson Foto: Martin Kaufhold

Beim „Rosenkavalier“, der Oper von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal von 1911, gibt es nichts zum Gegen-den-Strich-Bürsten: Geschlechterkritik („Hab’ jetzt einen montierten Kopf gegen die Männer“), Gefühlswiderspruch („Ich möcht’ mich niederknien dort vor der Frau und möcht’ ihr auch was antun, denn ich spür, sie gibt mir ihn und nimmt mir was von ihm zugleich“), Realitätsverwischungen („ist ein Traum, kann nicht wirklich sein“), Trickserei („Ist eine idée fixe. Benennt mich also nur im G’spaß“). Und die Musik ist dünnhäutig und abgründig, teilweise wie mehrfach belichtet; die Gesellschaftsszenen aufsässige oder überlastete Klangszenarien. Die zahlreichen Walzeranklänge mal gemütlich-dumpf, dann Sehnsuchtsziel, aber auch Putzmacher-Krach.

In dieser vielleicht modernsten Oper Strauss’, die mit ihrer Ambivalenzen-Bejahung die eifersuchtsdröhnende Liebesbrüllerei der gesamten klassisch-romantischen Operngattung ad acta legt, ist allenfalls die szenische Fixierung auf die Zeit des Wiener Spätbarock ein die Aufmerksamkeit minderndes Element.

Hier hat bei der Neu-Inszenierung in der Wiesbadener Oper Renate Ackermann für Klarheit gesorgt, indem sie das Interieur der drei Akte in eine Art Beziehungs-Terrarium verlegt: die kapriziöse Gartenlandschaft eines Heckenlabyrinths, das sich je nach sozialem Milieu in wechselnden Konstellationen und Formatierungen präsentiert (Bühne: Marcel Keller). Die Akteure sind einerseits noch rokokohaft verpuppt, aber andererseits schon durch die Metamorphose der Moderne gegangen. Dabei entwickelte sich eine Bühnenrealität, deren Stimmigkeit die kühnsten Erwartungen übertrifft: so sensible Personal-Konstellationen und wunderbare Kostüm-Raffinesse (Michael Sieberock-Serafimowitsch) erlebt man kaum, und dazu eben Renate Ackermanns genaue Lesart jenes erotischen Geflechts aus resignativer Voraussicht der Marschallin, penetrativem Daueralarm des Land-Hedonisten Ochs und der sich darin ausbildenden Liebe der auf negative Weise betroffenen Liebes-Novizen Octavian und Sophie. Zuschauer, die den Genuss dieser Kleidungs-, Gesten- und Mimik-Subtilität noch steigern möchten, sollten unbedingt ihr Opernglas mitnehmen.

Der Triumph des Wiesbadener Inszenierungs-Teams setzte sich fort in einer Sänger-Equipe, die keinen Ausfall zu verzeichnen hatte. Ungemein präsent und mit nicht nachlassender Verve der Ochs auf Lerchenau von Albert Pesendorfer; phänomenal das Frauen-Terzett von Lydia Easley (Marschallin), Emma Pearson (Sophie) und Merit Ostermann (Octavian). Letztere auch physiognomisch eine Idealbesetzung für eine Sängerin, die einen Mann mimt, der in der Handlung wiederum eine Frau mimt. Das Spiel mit der Realitätsoberfläche war hier auf die Spitze getrieben.

Hochdramatisiert und teilweise von bedrängender Kraft war die „Rosenkavalier“-Musik, mit herausgekehrten Mittelstimmen, aber auch mit unglaublich geschmeidigen Walzer-Mutationen und zartesten Klanggesten. Was das Opernorchester unter dem grandiosen Marc Piollet bot, machte den Dreiklang dieser Inszenierung vollkommen.

Staatstheater Wiesbaden: 27. März, 9., 25. April. www.staatstheater-wiesbaden.de

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