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„Roméo et Juliette“ Liebe verleiht Flügel

Szenisch eher drollig, musikalisch allerdings überzeugend: Charles Gounods Oper „Roméo et Juliette“ in Kassel.

Roméo et Juliette
Bénédicte Tauran (Juliette), Johannes An (Roméo). Foto: N. Klinger

Charles Gounod war ein tiefgläubiger Katholik, der allein 21 Messen komponierte. Auch in seiner 1867 uraufgeführten Oper „Roméo et Juliette“ spielt die Religion eine große Rolle. So zeigt der Komponist in aller Ausführlichkeit die in Shakespeares Vorlage nur angedeutete kirchliche Trauung des Liebespaares. Und am Opernschluss wenden sich die beiden Protagonisten direkt an Gott. Vor dem gemeinsamen Liebestod bitten sie ihn um Vergebung: „Seigneur, pardonnez-nous!“

Am Staatstheater Kassel lässt Regisseur Jim Lucassen einen unsichtbaren Chor diese Bitte vortragen, was das Publikum nur als moralisch befriedigend empfinden kann, macht doch der kleine Eingriff in die Partitur deutlich, dass nicht das junge Paar, sondern die Gesellschaft um Verzeihung bitten muss: Verantwortlich für den doppelten Freitod ist letztlich der Hass zwischen den Familien Capulet und Montaigu. Der leicht abgeänderte Schluss ist einer der subtilsten Momente in einer sonst recht biederen, bisweilen etwas drolligen Inszenierung.

Zwar verdeutlicht die von Marc Weeger gestaltete Bühne die religiöse Dimension: Zu sehen sind die von Gerüsten umgebenen Mauern einer baufälligen Kirche. Das animiert durchaus zum Nachdenken, etwa über die Frage, wie es heute um die Akzeptanz des Christentums bestellt sei.

Auf Dauer wirkt die Optik aber monoton. Nicht gerade wie ein fröhliches Fest mutet es an, wenn im ersten Akt der Maskenball mit dem musikalisch gut aufgestellten, aber in Grautönen gekleideten Chor vor alten Kirchenmauern spielt.

Manches Detail gerät sogar in die Nähe unfreiwilliger Komik. „Ange adorable“ (Anbetungswürdiger Engel), singt Roméo im ersten Duett der Liebenden. Kurzerhand greift er zwei herumliegende, von einer zerbrochenen Statue stammende, doch offenbar ziemlich leichtgewichtige Engelsflügel, um seinem Entzücken Ausdruck zu verleihen. Ausgesucht ausgefallen sind auch die von Gesine Völlm geschaffenen Kostüme: Moderne Kleidung mischt sich mit den scheppernden Bruchstücken alter Ritterrüstungen.

Weitaus überzeugender ist die musikalische Umsetzung – vor allem dank Dirigentin Anja Bihlmaier, die mit dem Staatsorchester Kassel einen attraktiven Gounod-Klang gestaltet. Da fehlt nichts, von zupackender Dramatik bis zu betörend lyrischen Passagen.

Einen guten Eindruck hinterlassen die Sänger der beiden Hauptpartien: Sopranistin Bénédicte Tauran singt und spielt die Rolle der Juliette mit viel Emotionalität, mal jugendlich temperamentvoll, mal innig, nur ihre Spitzentöne sind nicht immer frei von Schärfe. Als Roméo macht Gasttenor Kyungho Kim mit schlackenlosem Timbre und natürlich strömenden Gesangsbögen auf sich aufmerksam.

Hinzu kommen starke Leistungen aus dem Kasseler Ensemble – besonders von Tobias Hächler als Juliettes Cousin Tybalt, Hansung Yoo als Roméos Freund Mercutio und Marta Herman als frechem Pagen Stéphane. Ein wenig eigenwillig klingt Bassbariton Marc-Olivier Oetterli, der den Grafen Capulet mit flach-schneidender Stimme auf die Bühne bringt.

 

Staatstheater Kassel: 15., 18., 23. und 30. April.

www.staatstheater-kassel.de

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