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Rolf Riehm Wer die Sirenen überlebt hat

Rolf Riehm bei den „Happy New Ears“.

Bei den Sirenen geht immer einer zugrunde: entweder der von ihrem Gesang Affizierte oder sie selber, wenn das Hingabe-Opfer widersteht. In der Reihe „Happy New Ears“ war Rolf Riehm zu Gast, dessen Thema seit langem die Sirenen sind – ihr Schweigen oder ihr Singen. Befreundet ist der 81-Jährige mit dem fast gleichaltrigen Klaus Zehelein, der als Dramaturg der Gielen-Ära der Frankfurter Oper ihr bezeichnendes Profil verlieh.

Jetzt saßen die beiden auf dem Podium, nachdem Christian Hommel, der Oboist des Ensemble Modern, seine Kollegen bei „Lenz in Moskau“ souverän dirigiert hatte. 2010 entstanden, werden hier Aussagen reflektiert, die Frank Castorf über Jakob Michael Reinhold Lenz und Johann Wolfgang von Goethe gemacht hatte. Lenz, der den stürmenden und drängenden Jugend-Idealen treu blieb und in der Gosse Moskaus endete – Goethe, der sie verriet und sich dem juste milieu amtswürdig integrierte. Ein Werk, das die Sätze mit Klangereignissen begleitete und Züge instrumentalen Theaters aufwies, wenn die Cellostimme sich abgewandt artikuliert, wenn Papierbahnen durchstoßen werden oder zuletzt eine singende Säge gegen Paukenschläge spielt. Reizvoll war das gedämpft Manische, der sachte Autismus, das „Outcastmäßige des Lenz“ (Riehm).

Danach ein von Hommel dezent, aber bestimmt geführtes Gespräch, das eine hübsche Dialektik bot. Zwei einstige Lenze des Aufbruchs, die längst Goethes geworden sind auf Lehrstühlen und Intendantensesseln, sitzen mit Akademiemitgliedschaft und Bundesverdienstkreuz. Und einem die Selbstgefälligkeit streifenden Ton. Man erregte sich, dass die Sirenen kaputt gespart würden und man das Ungebärdige nicht den Helene Fischers und der Ökonomie überlassen dürfe. Und das neue Opernhaus Frankfurts nicht im Osthafen stehen solle.

Ob eine Helene-Sirene im Stadion nicht mehr Hingegebene fischt als das brav applaudierende, sehr überschaubare und gesetzte Publikum der „Happy New Ears“? Und ein Opernhaus im Osthafen – wäre das nicht der alten Unkonventionalität angemessen?

Jedenfalls löste die Zeheleinsche Einschwörung zustimmendes Klatschen im Parkett aus, bevor Hommel die rettende Frage stellte: „Sollen wir noch etwas zu ‚Adieu, sirènes‘ sagen?“ Aufgereiht wie der skulpturale Abschluss eines Bauwerks, befand sich frontal zum Publikum in starrer Positura und schöner Vokalität im Glanz beherrschter Gesten und Intonationen Sarah Maria Sun, flankiert von zwei Cellostimmen und zwei Trompeten.

Ein schönes Bild, denn dass es Sirenen gab, wissen wir lediglich, weil einer es schaffte, sie zu überleben und uns die schöne Illusion ihrer Weiterexistenz vermachen konnte.

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