Lade Inhalte...

Rolf Riehm „War Odysseus überhaupt in der Nähe der Sirenen?“

Was ist Wahrheit, wenn ein Trickser und Lügner seine Geschichte erzählt? Der Komponist Rolf Riehm vor der Frankfurter Uraufführung seiner neuen Oper.

11.08.2014 17:47
Der Komponist Rolf Riehm. Foto: Stefan Forster

Herr Riehm, mit den Sirenen der griechischen Mythologie haben Sie sich schon länger befasst, etwa für Ihre Oper „Das Schweigen der Sirenen“, wo es eher um Kafka ging. Ihr Werk für die Oper Frankfurt führt die Sirenen wieder im Titel.
Zu dem Titel „Sirenen“ gehört unbedingt der Untertitel „Bilder des Begehrens und des Vernichtens“. Wobei mir auch das Detail wichtig ist, dass es nicht „Bilder der Vernichtung“, sondern „des Vernichtens“ heißt.

Das legt den Akzent auf das Handeln.
Das Stück beginnt schon damit, dass gehandelt wird, bevor man überhaupt irgendeine Orientierung erfahren hat, und zwar gleich mit tödlichem Ausgang. Der alte Odysseus trifft auf einen jungen Mann, der einen Speer in der Hand hält. Odysseus hat sein altes Schwert dabei, geht auf ihn los, und der junge Mann ersticht ihn. Es handelt sich dabei um Telegonos, den Sohn des Odysseus und der Kirke.

Der in der Odyssee nicht vorkommt.
Er wird bei Hesiod erwähnt. Nach diesem Mord auf dem Proszenium erst geht der Vorhang hoch, und die verstörenden Vorgänge nehmen ihren Lauf.

Die Odyssee ist auch eine Geschichte der Gefahren, die erstaunlicherweise für Odysseus allesamt nicht tödlich enden. Auch die Sirenen sind eine Gefahrenquelle, sie betören Reisende und bringen sie um.
Das ist ihre mythische Bestimmung. In ihrem betörenden Gesang versprechen sie den Reisenden zu offenbaren, wenn sie denn auf die Insel kommen, wie sie zu alles umfassendem Glück gelangen. Ein tödliches Versprechen. Wenn die Verlockung scheitert, müssen die Sirenen sich selbst umbringen, indem sie sich ins Meer stürzen. Es geht ja in diesen Mythen ständig um Leben und Tod. Da wird nicht lange begründet und abgewogen. Die Götter stellen Aufgaben, wer sie erfüllt, bleibt im Spiel, wer es nicht schafft, mit dem ist es aus.

Aus welcher Perspektive erzählen Sie die Geschichte?
Ich habe mich am ehesten als eine Art Barde empfunden, durchaus auf den Spuren von Homer oder Hesiod. Meine Perspektive in der Erzählung ist Kirke. Odysseus lebt mit ihr ein Jahr lang auf ihrer Insel Aiaia, das heißt „Klage“. Kirke verwandelt alle Ankömmlinge in Tiere, die Mannschaft von Odysseus verwandelt sie in Schweine.

Männer sind Schweine.
Ja, auf den Rat von Hermes bedroht Odysseus Kirke mit dem Schwert des Unbesiegbaren, worauf sie ihn freundlich aufnimmt und sogar seine Gefährten wieder zurückverwandelt. Meine Version dieser Geschichte ist nun, dass Kirke als Göttin den Odysseus mit göttlicher Kraft liebt. Daraus entwickelt sich das Verhängnis, in das die Handelnden in dieser Oper geraten. Nach einiger Zeit verliert Odysseus das Interesse an Kirke, und unter dem Vorwand, dass seine Gefährten nach Hause drängten, bereitet er den Aufbruch vor. „Kirkes Seele ist auf den Tod verletzt“, heißt es in der Oper, aber weil sie ihn mit göttlicher Kraft liebt, „weist sie trotzdem seinem Schiff den Weg“. Sie sagt ihm, wie er zwischen Scylla und Charybdis hindurch kommen und wie er sich vor den Sirenen schützen kann. Beim Stichwort „Sirenen“ ist Odysseus sozusagen hellwach, mythische Frauen haben stets sein Verlangen geweckt. Das sind immer erotisch hoch aufgeladene Szenerien. Kirke weiß um das tödliche Schicksal der Sirenen, wenn sie Odysseus nicht auf ihre Insel kriegen. Indirekt ermordet sie sie also durch ihre Anweisungen an Odysseus. Sie beseitigt die Konkurrentinnen.

Die Sirenen zu hören und ihrem Gesang zu widerstehen, muss verlockend sein. Die Oper selbst aber beginnt mit Kirke.
Mit ihrem Klagegesang. Bei der Komposition wusste ich schon, dass Tanja Baumgartner, deren eindrucksvolle Gestaltungskraft ich von Opernvorstellungen her kannte, Kirke verkörpern wird. Aber der Kern meiner Oper ist die Erzählung des Odysseus am Hofe der Phäaken. Diese Erzählung kommt etwa in der Mitte der Odyssee vor. Odysseus’ Gefährten sind umgekommen, er wird entkräftet und nackt am Strand angeschwemmt, wo ihn die Prinzessin Nausikaa und ihre Begleiterinnen finden. Ihm zu Ehren wird bei Hofe ein Fest veranstaltet, und alle spüren, dass er – er ist noch unerkannt – etwas Besonderes ist. Er darf neben dem König sitzen, ein Barde unterhält die Gesellschaft mit einer Geschichte – der Odyssee. Odysseus ist zu Tränen ergriffen, gibt sich zu erkennen und setzt nun selbst die Erzählung fort. Diese Erzählung ist der Kern meiner Oper. Odysseus berichtet von seiner Begegnung mit Kirke und von den Hinweisen, die sie ihm gibt, um den Gefahren bei seiner Weiterreise zu begegnen. Das wird zum Teil gesprochen, und wenn dem erzählenden Odysseus das Herz übergeht, geht er ins Singen über. Das tut er in Gestalt des Countertenors Laurence Zazzo, dem ich die Partie gewissermaßen in seine Tessitura hinein komponiert habe.

Odysseus ist der einzige überlebende Ohrenzeuge des Sirenengesangs.
Ja, in der Odyssee. Im mythischen Fundus haben auch Orpheus und die heimkehrenden Argonauten die Sirenen überstanden. Orpheus hat so laut gesungen, dass man die Sirenen nicht hören konnte. Die Oper ist so gearbeitet, dass es darin mehrere Ebenen oder Plateaus gibt. Ein sehr großes Plateau ist diese Erzählung des Odysseus, ein anderes der Klagegesang der Kirke auf der Insel Aiaia. Es gibt noch andere Plateaus, kleinere und größere. Der Gesang der Sirenen etwa ist auch eines, das mehrmals in unterschiedlichen Fassungen vorkommt. Als erstes singen acht Sängerinnen den „Gesang der Sirenen“. Es ist ein Schreckensgesang, denn diese acht Frauen verkörpern Göttinnen, die wissen, was ihr Schicksal ist. Gegenüber Odysseus agieren sie doppelbödig: Sie wollen ihn verlocken, zugleich drückt sich in ihrem Gesang ihre Todesangst aus.

Gibt es eine Phase des Kompositionsprozesses, in der Ihre und die Arbeit des Ensembles ineinander gegriffen haben?
O ja! Das ganze Team dieser Produktion stand sehr früh fest, schon kurz nach Beginn meiner kompositorischen Arbeit vor drei Jahren. Wir haben uns im Laufe dieser Jahre häufig getroffen, die Arbeit ging gewissermaßen hin und her. Ich habe das Komponierte beschrieben, Regisseur und Dramaturg haben ihre Ideen eingebracht, auf die ich dann reagieren konnte. Noch in den eben zu Ende gegangenen szenischen Proben, in denen das Bühnengeschehen entwickelt wurde, haben wir kräftig in die Partitur eingegriffen. Auch auf viele Vorschläge des Dirigenten Martyn Brabbins hin. Er kennt die Partitur genau und hat ein enormes Gespür fürs Timing. Es gibt verschiedene Texte, durch mehrere Instrumentalisten auf der Bühne gibt es zudem so etwas wie eine Performance-Atmosphäre: mit größeren Soli treten auf ein Akkordeonist, ein Pianist sowie eine Singende Säge und Pauke mit einem Zwiegesang, vier große Holzbohlen werden auf die Bühne geschafft und von vier Schlagzeugern gespielt, ein Schlagzeuger führt eine markante Partie auf einer Gießkanne auf, schließlich eine Violine in verstörender Verlassenheit.

Das klingt, als könne man sich eine Zusammenarbeit kaum besser wünschen.
Ja, die Arbeit ist anstrengend und aufregend, aber mit diesen großen Künstlerinnen und Künstlern einfach wunderbar!

Holzbohlen gab es schon in Ihren „Tänzen aus Frankfurt“.
Ich habe viel aus älteren Werken übernommen und bearbeitet. Das habe ich vor allem getan, weil ich solche Klangcharaktere heute gar nicht mehr komponieren kann. Ich habe sie als uneingelöste Möglichkeiten in älteren Werken vorgefunden und wie Samples in die Situation eingefügt. So dass das Ganze einen, wie ich hoffe, sehr brüchigen Klang ergibt, in dem sich das realisiert, wovon ständig die Rede ist: die Beziehungen der Menschen, also dieser Götter und Halbgötter, vollziehen sich auf schwankendem Boden, jederzeit kann bei jedem die Existenzgrundlage wegbrechen. Die Musik sollte von diesen existenzbedrohenden Kräften nicht berichten, sondern diese Kräfte sollten in der Verfasstheit der Musik regelrecht obwalten. Die Musik sollte als das Medium der emotionalen Antriebe mit dem Bühnengeschehen wie in einem mächtigen Geschiebe verschmelzen. Das ist die Idee.

Sirenenmythos im kulturen Bewusstsein verwurzelt

Es geht also auch um die Gleichzeitigkeit mindestens zweier emotionaler Stränge.
Womöglich auch um mehrere Stränge, man kann die Vorgänge nicht säuberlich auseinander halten. Diese Art der Komplexität ist ja schon im homerischen Odysseus eindrucksvoll angelegt. Wenn Odysseus, der Listige, der Ideenreiche – wir würden heute sagen: der Trickser und Lügner – am Hof der Phäaken seine eigene Geschichte erzählt – woher wissen wir, was sich von dem, was er erzählt, tatsächlich ereignet hat? Was heißt bei ihm Wahrheit? Es gibt in diesen Geschehnissen so viele Wahrheiten: die der Sirenen, die der Kirke, unsere eigene beim Verfolgen der Geschehnisse auf der Bühne und in der Musik. War Odysseus überhaupt in der Nähe der Sirenen und hat ihren Gesang hören können?

Die Sirenen wollen einerseits verlocken, wissen andererseits, dass das zumindest im Falle des Odysseus nicht gelingen wird. Wie kann man diese Widersprüchlichkeit komponieren?
Was wir den Gesang der Sirenen nennen, ist in sich ein vielschichtiges Mitteilungs- und Gefühlsbündel. Ich versuchte, ihm dadurch beizukommen, dass ich den Gesang der Sirenen mehrmals vorkommen lasse. Beim ersten Mal schreien die acht Frauen geradezu auf Odysseus ein, das ist ein Schreckensgesang angesichts ihrer Todesbedrohtheit. Im weiteren Verlauf der Oper hört man immer wieder singende Frauen, darunter auch mit sanften melodischen Linien, das könnten die Sirenen sein oder aber auch Kirke. Dann gibt es einen klar zuzuordnenden zweiten Sirenengesang, als Odysseus von den Sirenen berichtet. Das singt, gewissermaßen in Anführungszeichen, der Countertenor, also Odysseus. Es gibt dann noch ein drittes Mal den Gesang der Sirenen, das ist aber nur noch ein heftiges Orchesterstück. Wir hören keine Frauenstimmen mehr, der Gesang der Sirenen kommt aus dem Mund des Orchesters. Auf der Bühne haben sie eine Metamorphose durchgemacht. Sie sind alte Frauen geworden. Kurz vorher werden zwei Texte eingeblendet – ein Liebesgedicht von der Günderode, in dem sie den Verlust ihres Geliebten beklagt, und ein Text von Isabelle Eberhardt, einer schweizerischen Autorin um 1900, die über längere Zeit im Maghreb gelebt hat. Der Text von Eberhardt erzählt von zwei algerischen Frauen, die früher die Männer betört haben und jetzt vor ihrer Hütte sitzen, rauchen und auf den Tod zu warten scheinen. Nach diesem Todesgesang der Sirenen erzählt Odysseus, wie er an den Sirenen vorbeigekommen ist.

Mit dem Proszeniums-Ereignis dockt die Odyssee an den Ödipus-Mythos an. Auch da wissen die Handelnden nie, was sie tun, und die Götter bringen sie dazu, zu tun, was getan wird.
Das Tolle an Mythen ist ja, dass sie Realitätserfahrungen vermitteln, obwohl es Kirke und die Sirenen nie gegeben hat. Welterfahrung ist eingegangen in die Erzählung. Das ist der Inbegriff von Mythos. Je strikter ich dabei an der mythischen Erzählung bleibe, desto freier ist der Zuschauer mit seiner eigenen Transformationstätigkeit. Ich möchte ihm nicht vorgeben, was an Welterfahrung er mit der mythischen Erzählung aktivieren soll. Ich selbst verbinde mit der Kirke-Sirenen-Odysseus-Geschichte in einer suggestiv-zwanghaften Ahnung, die jedem Streben nach Glück, nach privatem wie kollektivem Glück – diese Vokabel klingt schon komplett abstrus in der gegenwärtigen Lage – hohnsprechenden Verwerfungen in der augenblicklichen geopolitischen Großwetterlage. Das ist meine private Resonanz auf die eigene Komposition, und es war ein Impetus bei der Arbeit. Aber der Sirenenmythos ist darüber hinaus offensichtlich tief im allgemeinen kulturellen Bewusstsein verwurzelt. Bis in unsere Tage hinein haben sich illustre Geister auf ihn bezogen, denken Sie nur an Adorno, Horkheimer oder Maurice Blanchot. So darf ich vielleicht ganz zugespitzt sagen: Ich erzähle von den Sirenen und rede von uns heute.

Interview: Hans-Jürgen Linke

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen