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Robert Plant Vollendeter Rockmachismo

Der Frontman der Heavy-Metal-Band Led Zeppelin, Robert Plant, wird 70 Jahre alt.

Robert Plant wird 70
Robert Plant, hier bei einem Konzert von Led Zeppelin 1970 in Berlin. Foto: dpa

Dass sich die Männerherrlichkeit eines Rocksängers gottgleich von der Bühnenrampe verströmt, ist ein anmaßender Irrsinn, der einem heute unverständlich erscheinen, ja peinlich berühren muss. Das bizarrste Beispiel für diesen Kult dürfte wohl die amerikanische Musikzeitschrift „Rock Scene“ gegeben haben, als sie 1974 in ihrer Juniausgabe den Preis „Chest O Rama“ an Robert Plant verlieh. Die Leser hatten entschieden: Der Frontman der Heavy-Metal-Band Led Zeppelin bekam die Auszeichnung für die „beste Brust im Rock“ – allen Ernstes! Auf dem Cover kündete „Plant’s Chest Wins“ von der aufregenden Kür, daneben ein großes Bild von, ausgerechnet, Elton John in breitbeiniger Mackerpose. So war das damals.

Robert Plants schweißblanke, nicht sonderlich muskulöse Brust war ein körperpolitisches Statement. Das offene Hemd lenkte das beileibe nicht nur weibliche Begehren auf diesen bebenden Flecken. Und während oben das lose Textil freiere Einblicke gewährte, gab die zwängende Jeans eine deutlich umrissene Ahnung von dem übrigen Mann. Zu seiner phallischen Präsenz gehörten neben dem energiegeladenen, also hüpfenden, klatschenden, die Finger schnippenden und die Arme ausbreitenden und überhaupt den Gesang mit Gesten tief empfundener Emphase begleitenden Bühnenspiel noch die blonden Mähne, die er in ihrer ganzen ondulierten Pracht mit dem Kopf umherwirbelte.

Auf der Bestenlisten einschlägiger Musikmagazine 

Plants fitnessperfekte Erscheinung ließ ihn zum „god of rock and roll“ werden, der in die Ruhmeshallen und auf die Bestenlisten einschlägiger Musikmagazine wie dem „Rolling Stone“ einzog. Dieser Gott war aus den Industriebrachen des Black Country emporgestiegen: Am 20. August 1948 in West Bromwich, Staffordshire, geboren, hatte er während der Schulzeit in lokalen Bluesbands gespielt und erste Platten mit seiner „Band of Joy“ aufgenommen. In London traf er auf Jimmy Page, der gerade eine neue Band zusammenstellte. Der Gitarrist war begeistert von Plant, fragte sich aber misstrauisch, warum ein so begabter Sänger nicht längst in einer großen Band spielte. Ob er einen psychische Defekt hatte?

Page zog mit Plant zusammen, um das herauszufinden, und entdeckte offenbar keinen Defekt – der Beginn einer bis heute dauernden Männerfreundschaft. 1968 gründeten sie mit dem Bassisten John Paul Jones und dem Schlagzeuger John Bonham die Band Led Zeppelin, schrieben mit dem Song „Stairway To Heaven“ (1971) alsbald Musikgeschichte und avancierten mit 300 Millionen verkaufter Platten zu einer der erfolgreichsten Bands der Rockgeschichte. Plant lieferte die Texte und eröffnete mit seiner kräftigen, bis ins grelle Höhen reichende, absolut intonationssichere und nuancenreiche Stimme eine neue Dimension: Der Heavy Metal wurde opernhaft – wie in dem ultimativen Led-Zep-Song „Kashmir“ (1975).

Mit seinem aus Hyperaktivität und Stimmenartistik sehr eigentümlich zusammengesetzten Sex-Appeal schuf Plant den Archetypen des Rockgottes, der nicht nur die Vorgeschichte des Genres in sich aufgenommen und in seiner durchaus androgynen Gestalt vervollkommnet hatte, sondern ein Vorbild für folgende Generationen wurde, etwa für David Coverdale von Whitesnake, Bon Scott von AC/DC oder David Lee Roth von Van Halen. Es war dies allerdings auch schon das letzte Aufgebot der alten Männerherrlichkeit: Danach folgte in den 90ern mit Kurt Corbain (Nirvana) bereits der jesushafte Schmerzensmann und in den Nullerjahren mit Pete Doherty (Babyshambles) das hilflose Muttersöhnchen.

Mit Robert Plant hatte sich der Rockmachismo zugleich vollendet und erledigt. Im Prinzip jedenfalls, denn immer noch turnen Wiedergänger aus seiner Generationen, allen voran Mick Jagger mit den Rolling Stones, auf den Bühnen herum; die Klügeren von ihnen wie etwa Jagger versuchen immerhin, der offenkundigen Peinlichkeit mit Selbstironie zu entgehen. Plant aber war klug genug, nach dem Ende von Led Zeppelin 1980 ganz andere Pfade einzuschlagen. Er konnte sich dabei aus dem stilistisch überreichen Fundus der zwölf Jahre währenden Bandgeschichte bedienen, berücksichtigte aber auch aktuelle Musikströmungen und wollte vor allem eines blieben: neugierig und beweglich.

Und so nahm Plant mit, was ihn seine helle, klare Stimme singen ließ, und das war so ziemlich alles: den New Wave à la Talking Heads („Wreckless Love“, 1983) oder unverschämt dahinschmachtende Balladen wie „Ship of Fools“ (1988). Mit Jimmy Page und einigen arabischen Musikern verlieh er auf dem Album „No Quarter“ (1994) alten Led-Zeppelin-Stücken orientalisches Flair und die eigenwillige Fusion von Blues- und Ethnorock auf „Mighty ReArranger“ (2005) ist wohl Plants künstlerisch interessantes Album. Da war die „beste Brust im Rock“ weit weg vom Mainstream und hatte sich gefunden. Ein Eigenbrötler, mittlerweile auch Commander des Order of the British Empire. Ein adeliger Scharlatan, wie er mit britischen Understatement betont.

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