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Rheingau Musik Festival Sich nichts anmerken lassen

Die 50 Jahre alten King’s Singers im Kurhaus Wiesbaden.

Wiesbaden
Die King?s Singers im Friedrich-von-Thiersch-Saal im Kurhaus Wiesbaden. Foto: Ansgar Klostermann/RMF

Die 50-jährigen King’s Singers aus Cambridge gehören also zu den Formationen, deren Mitglieder zum Teil halb so alt sein dürften. Der Personentausch, der die Gruppe jung oder sagen wir: alterslos hält, geht diskret vonstatten. 26 Sänger waren bisher vollgültige Mitglieder, wie zu lesen ist, und gerne betont das Ensemble die Hierarchielosigkeit unter den sechs.

Das Ausmaß, in dem sie sich nicht in die Karten blicken lassen, nimmt aus Sicht der Zuhörenden von Konzert zu Konzert eher noch zu. Es herrscht eine mystifizierende Disziplin, zu der die ebenmäßigen Auftritte und Abgänge gehören, das gemeinsame Platzieren der Noten (mittlerweile: der Markentablets) auf den sechs bereitstehenden Ständern, vor allem dann die stoisch ruhige Darbietung der Lieder.

Manchmal rückt man dafür zusammen im hier immer leise ironischen Stil einer fidelen Herren-Combo. Manchmal sind winzige Einlagen eingebaut, wie das Zuprosten im außerordentlich feinsinnig vorgetragenen Trinklied von Hans Leo Haßler. Heutzutage wischen außerdem Hände dezent über die Rechneroberfläche, während ansonsten die Tradition englischer Knabenchöre durchschlägt, sich mit für Außenstehende fast unsichtbaren Signalen zu verständigen. Wie in einem Orchester – und wie fast nie in einem Kammermusikensemble – gilt es, sich restlos einzupassen, zugleich aber ad hoc als Solist Präsenz und Eigensinn zu zeigen. Die Kombination aus Diskretion und Individualität, die sich bei sechs Menschen dieses Virtuosenkalibers dennoch unversehens zeigen muss, ist ein kaum erschlaffender Effekt. So dass die Auftritte der King’s Singers beim Rheingau Musik Festival Jahr um Jahr (seit 1997) ein großes Publikum anlocken.

Wer davon träumt, einmal ein reines Alte-Musik-Programm der von Counter bis Bass makellos, sensationell intonierenden sechs zu hören, muss aber weiter träumen. Zum Jubiläum gab es jetzt im Wiesbadener Kurhaus erst recht eine bunte Mischung, eigentlich nicht nur bunt, sondern doll, indem keinerlei Chronologie eingehalten wurde. Einem plausiblen Auftakt-Zweier aus einem Renaissance-Titel und Bob Chilcotts zeitgenössischer Bestandsaufnahme der Menschheit, „We are“, folgten alte weltliche Lieder, nagelneue geistliche Lieder, gewitzte Volkslieder, anspruchsvolle Auftragsarbeiten.

Markant fernab hielten sich die King’s Singers aber von Schlagermusik, zumal ein Song wie „Auf einem Baum ein Kuckuck saß“ in diesem Arrangement und bei diesem technischen Vermögen ein Feuerwerk an Ideen und niveauvollem Quatsch darstellte. Anschließend noch zwei Zugaben, dann hörte der Abend so straff auf, wie er angefangen hatte.

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