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Rheingau Musik Festival Requiem für Enoch zu Guttenberg

Verdi, dirigiert von Kent Nagano und mit der Chorgemeinschaft Neubeuern in Kloster Eberbach.

Konzerte des Rheingau Musik Festivals in Kloster Eberbach sind immer besondere Ereignisse, daran ändert auch ein um eine gute halbe Stunde verspäteter Anfang nichts; umso länger lässt sich an einem linden (ja: tatsächlich lindenblütenduftenden) Sommerabend das Ambiente genießen. Die Verspätung war wohlbegründet: Aus Probenarbeit in München und Salzburg heraus hatte sich der Dirigent Kent Nagano kurzfristig bereit erklärt, für seinen vor knapp zwei Wochen unerwartet verstorbenen Kollegen Enoch zu Guttenberg einzuspringen, und unmittelbar vor Konzertbeginn noch eine knappe Verständigungsprobe mit den Beteiligten ansetzen müssen. So konnte der Abend gerettet werden.

Mehr noch: Er wurde zu einer unvergesslichen Erinnerungsfeier für Guttenberg, den die Musikwelt noch lange als eine kluge, durchdringend vitale, mit neuer Frische an alte Meisterwerke gehende Musikerpersönlichkeit (kürzlich erschien als CD seine zupackende, glasklare Interpretation von Schuberts Großer C-Dur-Symphonie) vermissen wird.

Nagano arbeitete schon mehrfach mit den Solisten und Kollektiven Guttenbergs zusammen. Das Verdi-Requiem, dergestalt symbolhaft zu einer Totenmesse für Enoch geworden, rief bei Nagano ein ungewöhnliches Maß an Hingabe und Empathie hervor. Die Aufführung entsprach, vor allem mit minutenlangen „Meditations“-Pausen vor Beginn und nach Beendigung des Werkes, ganz der Intention Guttenbergs, bei großer sakral inspirierter Musik „ästhetische“ und „inhaltsdurchdringend-geistliche“ Dimensionen miteinander zu verschmelzen.

Womit denn auch ließe sich das Ineinander von Leben und Tod nachdrücklicher bedenken als mit diesem Großwerk eines (in streng konfessionellem Sinne) Ungläubigen! Das in der deutschen Rezeption („theatralisch“) oft, beginnend mit Cosimas schäbigen Tagebucheintragungen, fehleingeschätzte Stück versichert sich der liturgischen Hülle, um Aporien und Utopien des diesseitigen Lebens zu beklagen und anzumahnen. So könnte, ja müsste man die grandiosen Höllenvisionen des „Dies irae“ als Warnung vor „innerweltlichen“ Schreckensbildern verstehen. Und Erlösungshoffnung in wunderbar beseligten Kantilenen wächst den vokal Beseelten aus eigener und gegenseitiger Ermutigung und Tröstung zu. Das auf brillante Weise „uneigentlichste“ Klangbild ist zweifellos das „Sanctus“, virtuos hingeworfen und, samt einer hereinflutenden Engelsmelodie, wieder weggewischt wie flüchtige Kartenhauspracht.

Nach dem fast unhörbar-mystischen Streicherbeginn wurde die erste Chorzeile „Requiem…“, ungewöhnlich und schaurig wie aus einem Beinhaus herangeweht, im intensiven Flüsterton exponiert – mit Sicherheit eine Guttenberg-Idee. In der dynamischen Bandbreite zwischen verschwindendem Pianissimo und berstender Fortissimo-Entladung entsprach Naganos Animierung aller Kräfte der Plastizität und Lebhaftigkeit der Guttenberg’schen Musikalität. Nicht immer werden die exzellent formierte Chorgemeinschaft Neubeuern, das gut eingespielte Orchester mit dem originellen Namen KlangVerwaltung, das Glück haben, künftig mit einem Ausnahmemusiker wie Nagano zusammenarbeiten zu können.

Hochrangig auch das Solistenquartett: einnehmend die minuziös auf einander reagierenden Frauenstimmen Susanne Bernhard (Sopran) und Anke Vondung (Mezzosopran), etwa im „Agnes Dei“-Duett. Der frei strömende Wohlklang der tieferen Frauenstimme verband sich dann auch immer wieder bestens mit den männlichen Solopartien. Sung min Song, ein kraftvoll anmutender Tenor ohne „italienische“ Männlichkeitsposen, formte seinen Part bis in die präzisen Aufschwünge hinein zu inniger Emphase. Der Bassbariton Shenyang, ganz Typus des zuverlässigen Konzertsängers, wuchs immer wieder auch zu wuchtiger, dabei kultivierter Grandeur; mit sozusagen elaborierter Hintergrundsubstanz verlieh er auch den heiklen „Mors stupebit“-Einwürfen, bar unfreiwillig komischer Mürrischkeit, die Würde einer Verkündung.

Hintergründigster und figurenreichster Satz ist womöglich das abschließende „Libera me“, der Ort höchster, letzter Entäußerung für die Sopranistin, die hier, bald aufrüttelnd im Sprechgesang anklagende Kassandra, bald Gott- und Weltverlassene im Toben des nochmals beschworenen Tutti-Infernos, allein steht als Inbild der um Befreiung, Erlösung, zumindest Fassung ringenden, der Zerschmettertheit nahe kommenden Menschenseele. Dazwischen das „Libera me“ des Chores keineswegs devot, vielmehr in geradezu aufrührerischer Fugiertheit. Reines Melos inmitten von bitterster Gefährdung: eine noch lange nachgehende identifikatorische Kunst-Leistung der großartigen Sängerin Susanne Bernhard.

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