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Rheingau Musik Festival Melancholische Verdunkelung

Der Countertenor Andreas Scholl springt in Kloster Eberbach für Vesselina Kasarova ein.

Für das Gastspiel von Concerto de’ Cavalieri beim Rheingau Musik Festival war ursprünglich als Vokalsolistin Vesselina Kasarova vorgesehen – eine der exponiertesten Mezzosopranistinnen vor mehr als zehn Jahren. Mit intensiver Stimmführung bei enormer Koloraturbehändigkeit und voluminöser Tiefe. Interessant wäre es gewesen, den Stand ihrer seit Jahren währenden Versuche der Wiedergewinnung einstiger Registerhomogenität zu erleben: eine nicht aufgebende Kämpferin um ihr einst herrliches Timbre.

Krankheitshalber fiel der Auftritt in der Basilika von Kloster Eberbach aus, aber nicht das Konzert und nicht einmal das gesamte vorgesehene Programm. Denn Andreas Scholl stellte sich als Einspringer zur Verfügung. Händel und Vivaldi blieben als Säulen des Abends stehen. Pergolesi und Albinoni dagegen mussten dran glauben.

Barockmusik und die Bewegung der Moderne, Männerstimmen in die weibliche Vokaldomäne hinein zu bilden, machten es jetzt möglich, für die Frau den Mann einspringen zu lassen: ein schönes Stimmen-Gendering als Countering im romanischen Gewölbe mit einem der bewährten Vertreter dieser stimmlichen Konstruktion. Das Ensemble der 11 Instrumentalisten wurde derweil geleitet von Marcello Di Lisa, einem Kenner der italienischen, vorklassischen Musik. Von Corelli, Vivaldi und Händel erklangen insgesamt vier konzertante Beiträge, vom Concerto grosso über eine Opern-Sinfonia bis zum Streicher-Concerto. Lebhaft, aber auch mit ausdifferenzierter Bewegung einer sensuell motivierten Langsamkeit. Nicht in jener oft nervenden, übermunteren musikantischen Harmlosigkeit.

Durch das Einspringen von Scholl reduzierte sich die Anzahl der vokalen Beiträge von ursprünglich angekündigten sieben auf vier. Der 2015 mit dem Rheingau Musikpreis geehrte 51-jährige Countertenor begann, wie es auch die Kasarova getan hätte, mit dem allbekannten „Verdi prati“ aus Händels Oper „Alcina“. Scholls Stimme ist schwerer und dunkler als die etwa Philippe Jarousskys und konnte die getragene, zum Melancholischen tendierende Verdunkelung einer animierten Naturerfahrung trefflich vermitteln.

Ein expressiver, sich auch in bewegter Gestik niederschlagender Habitus war auch bei Arien aus Händels „Rodelinda“ sowie „Julius Cäsar“ zu bemerken. Zuletzt bei Vivaldis „Cessate“-Kantate präsentierte sich diese Haltung fast dramatisch. Die Zugabe, Händels „Ombra mai fu“ aus „Xerxes“, bekannt als „Largo“, erklang in unsüßer Getragenheit.

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