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Rheingau Musik Festival In der Falle mit Hamsterrad

Das Brandenburg-Projekt setzt im Rheingau Bach-Konzerte mit neuen Kompositionen in Beziehung.

The Brandenburg Project“ – das ist ein Konzept des Swedish Chamber Orchestra unter Leitung Thomas Dausgaards mit sechs Komponisten, das die Brandenburgischen Konzerte Johann Sebastian Bachs mit neuen Kreationen konfrontieren und in Beziehung setzen will.

Das Rheingau Musik Festival hat zwei Abende diesem Programm gewidmet, von denen der erste im Wiesbadener Kurhaus das 5. und 6. Konzert des Meisters aller Töne im Verein mit Schöpfungen Uri Caines und Brett Deans präsentierte. Caine, der musikalische Global Player im Transitbereich von Jazz, Postmoderne und Retroform füllte eine bunte, eklektizistische halbe Stunde.

Potpourri-artig wurden einige Momente des Originals aufgegriffen, namentlich die D-Dur-Intervalltreppe des Beginns, die der selber am Klavier sitzende Komponist einer umfänglichen Improvisation fast volkstümlich-romantischer Fasson unterzog. Die Assoziation zum Beginn der Nationalhymne der USA liegt in deren gleichem Intervall-Beginn. Caines Werk trägt den Titel „Hamsa“, die Glück bringende Zahl Fünf im vorderasiatischen Kulturbereich. Viele Füllsel und Reststoffe aus dem Nähkästchen durchgesetzter moderner Klangbildung schienen mit flotter Nadel vernäht und hatten im Thiersch-Saal des Kurhauses volle Klangpräsenz.

Das konnte man vom Bach’schen Original nicht sagen, trotz namhafter Solisten wie Antje Weithaas (Violine) oder Mahan Estahani (Cembalo). Das schmächtige Häuflein des Ensembles hatte offensichtlich vergessen, das ein Konzertsaal für Massenpublikum kein Salon am preußischen Hof ist. So war Bach wieder einmal das historisch unreflektierte scharrende und zirpende Rasanz-Einerlei, für das sich der Komponist die vielen Töne mit ihrer kanonischen Raffinesse hätte sparen können.

Der gerade hier bedeutsame Zuwachs an Klanggewicht des Cembalos ging im ratternden Gewisper purer Fingerfertigkeit unter: Bach in der vorgeblich historisch informierten Lebendfalle mit Hamsterrad. Einen Hauch artikulatorischer Befreiung bot allein der 2. Satz dank einiger Artikulationsversuche durch die geigerische Solistin.

Während Caine sich mittels Bach ein Denkmal zu setzen versuchte, schuf Brett Dean mit seinem „Approach – Prelude to a Canon“ einen trefflichen Sockel, aus dem dann nahtlos ein wie neu gehörter Bach mit seinem B-Dur-Konzert erstand. Grandios und in herrlicher Plastizität des Ausdrucks von ihm selbst und Tabea Zimmermann in den beiden zentralen Bratschenstimmen verwirklicht.

Deans „Approach“ und sein Bach-Spiel ließen das Gitter, hinter dem die Aufführungs-Orthodoxie in Sachen Bach nur noch Langeweile produziert, verschwinden und die sich in Bach selbst spiegelnden Modernisierer verblassen.

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