Lade Inhalte...

Rheingau Musik Festival Identifikation mit dem Aggressor

Die Sächsische Staatskapelle Dresden mit Antonio Pappano und Christian Tetzlaff im Kurhaus Wiesbaden.

RMF 2018: Sächsische Staatskapelle Dresden mit Christian Tetzlaf
Christian Tetzlaff und die Dresdner spielen Brahms. Foto: RMF /Ansgar Klostermann Foto: RMF / Ansgar Klostemann

Die kompositorische Plaudertasche: einer dem das Herz auf der Zunge und diese den Hörern lange und oft ein bisschen einsilbig auf den Ohren liegt. Weshalb man, wie in der 2. Sinfonie von Sergei Rachmaninow, in dem einstündigen Werk immer wieder ohne wesentlichen Verlust an ästhetischer Information sowohl ein- als auch aussteigen kann.

Das Gastspiel der Sächsischen Staatskapelle Dresden beim Rheingau Musik Festival brachte die 1907 uraufgeführte Sinfonie im großen Saal des Wiesbadener Kurhauses, der im selben Jahr eröffnet wurde. Man hatte die Darbietung gekoppelt mit dem Violinkonzert von Johannes Brahms, wo Christian Tetzlaff für die krankheitshalber ausgefallene Janine Jansen einsprang. Brahms ganz klassizistisch mit hohem Ausstellungswert in Melodie und Klangfülle und zuletzt von rasantem Neo-Folklorismus, wo die sächsischen Musiker ihre dunklen, schweren und extravertierten Klangseiten effektiv zeigen konnten. Sir Antonio Pappano war der Dirigent des Abends und ließ keine Gelegenheit aus, die singulären Register dieses Klangkörpers zu ziehen.

Das war nicht unbedingt der Stil des Geigers, der einen schmaleren, kammermusikalischeren, auch ins Fragmentarische gehenden Ansatz bevorzugte. Klein wirkte die solistische Individualisierung, die Brahms ja sowieso ganz stark ins Formgehäuse des Ganzen inkludierte. So hatte das Dresdner Tutti in Sachen Selbstdarstellung die Nase vorn, die jedoch nicht länger werden konnte als der Komponist in seiner artistischen Beherrschungs- und Variantenkunst zuließ.

Das war natürlich auch bei Rachmaninow nicht anders, aber der Komponist, der aus seiner Depression nach dem Desaster seiner 1. Sinfonie herauskommen wollte, hatte wohl die Vorschläge seines Psychiaters beherzigt. Das Formkonzept legte nahe, dass auf Identifikation mit dem Aggressor gezielt werden sollte. Das umher geisternde Dies-Irae-Motiv der Totenmesse als Menetekel der Niederlage Rachmaninows war positiv gespiegelt und flutete in endlosen Aufstiegs- und Anreicherungsprozessen in einem riesigen, wogenden Töne-Meer. Überbordend, donnernd, tosend. Pappano setzte auf eine Art klangsynthetische Enthemmungstherapie, wo einer alles Belastende sich zum Freund macht und Seit’ an Seit’ damit seine Größe bekundet.

Das Dies-Irae-Motiv ist dem Meister zeitlebens ästhetischer Schlüsselreiz geblieben und hat dem klingenden Wohlfühl-Überlauf auch späterer Tage als Geschmacksverstärker oft genutzt. Die Furiosität der Dresdner ließ nicht erst bei der Teil-Zugabe der „Rienzi“-Ouvertüre an Wagner denken. Rachmaninows stimmungsaufhellender wogender Schwall wirkte stellenweise wie eine Tristan-Adaption ohne Worte.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen