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Rheingau Musik Festival „Ich schrei’ mit heller Stimm’“

Christian Gerhaher und das NDR Elbphilharmonie Orchester beim Rheingau Musik Festival.

NDR Elbphilharmonie Orchester
Mit höchster Finesse: Christian Gerhaher (l.) an der Seite von Krzysztof Urbanski. Foto: Ansgar Klostermann

Knapp 110 Jahre liegen zwischen zwei Paukenschlägen der Musikgeschichte, wobei Gustav Mahlers 10. Sinfonie nicht mit einem solchen beginnt, sondern mit einem endlos ruhigen, tristanisierenden Bratschen-Unisono. 1910 beziehungsweise bei der postumen Uraufführung 1924 dürfte das noch mehr frappiert haben. 

Ludwig van Beethovens 3. Sinfonie, die „Eroica“, hingegen ist heute ein urvertrauter Klassiker. Dass das interessierte Publikum einmal denken musste, hier werde nun allmählich alles ausgereizt, was in der Musik möglich sei, kann man sich nur noch schwer vorstellen, wenn man die 2. nicht direkt davor hört. Hilfreich ist es, wenn ein fulminanter Paukist wie der des NDR Elbphilharmonie Orchesters aktiv wird und Härte und swingende Weichheit perfekt zusammenführt. 

Das Mahler-Beethoven-Programm führten die Hamburger unter ihrem regelmäßigen Gastdirigenten Krzysztof Urbanski jetzt im Zuge einer kleinen Tournee zusammen mit dem Bariton Christian Gerhaher beim Rheingau Musik Festival im Kurhaus Wiesbaden auf. Beide sinfonische Teile waren Ausweise einer gemeinsam wie im Einzelnen makellos agierenden Formation. Aus Mahlers Fragment gebliebener Zehnter gab es allein das relativ fertiggestellte Adagio, für das das Orchester jeden Quadratzentimeter der Bühne benötigte. Ein Triumph des ebenmäßigen, reaktionsschnellen Streicher-Tuttis und der nach und nach geforderten Bläser, deren Solisten ein Gipfeltreffen veranstalteten: In Fischschwarmgeschmeidigkeit – organisch, nicht mechanisch – folgte der Klangkörper dem akkurat anleitenden Urbanski, der überhaupt eine besonnene, der Musik selbst zur Entfaltung verhelfende Haltung einnahm. 

Die zweite Hälfte prägte ein ganz außerordentlicher Hustenanfall von hinten links. Reiche Kontraste, die dem Orchester hinreißend leicht von der Hand gingen, zeigten sich auch in der Eroica. Beeindruckend die Wucht des Aufblühens, aber womöglich mehr noch, wie die Musiker ihr eigenes Fernorchester nachstellten. Das ist die Brillanz des Pianissimo. Dazwischen sang mit höchster Finesse Gerhaher Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“. Das war wie eine Interpretationsstunde in Text und Musik, wenn er hörbar machte, wie ungewiss der Gefangene angesichts seiner Lage auf seinem Satz „Die Gedanken sind frei“ beharrt. Oder wie „Wo die schönen Trompeten blasen“ am Ende – lange hofft man noch das Beste – wahrhaftig zur Gespenstergeschichte wird. Die innige Schlichtheit von „Urlicht“ („O Röschen rot“) wurde hier blank umgesetzt. 

Es war wieder faszinierend zu erleben, mit welchen offenkundigen Mühen und welchem enormen Erfolg Gerhaher seine Vokale weiter perfektioniert. Tatsächlich vermittelte er in Wiesbaden die Schönheit der deutschen Sprache, auf die man im Kunstliedvortrag sicherheitshalber nicht zu sehr setzt. Sein Interesse an der Sprach- und Textbehandlung steht seiner musikalischen Ambition in nichts nach. Das Fragile, das nicht immer selbstredend Prächtige seines Baritons wurde wieder so plausibel, als hätte Mahler mit nichts anderem geplant. Das Orchester, keine Überraschung, war nicht Begleiter, sondern topfitter, mitmischender Teilnehmer im sublim wogenden Geschehen. 

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