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Rheingau Musik Festival Für Kobolde und Tänzer

Kristjan Järvi mit jungen Musikern und einem russischen Pianisten-Wunderkind in Wiesbadens Kurhaus.

Alexander Malofeev und Baltic Sea Philharmonic
Alexander Malofeev, Klavier, und das Baltic Sea Philharmonic. Foto: Ansgar@Klostermann.net

Baltic Folk“ heißt der Abend beim Rheingau Musik Festival im Wiesbadener Kurhaus, bei dem der quietschfidele Dirigent Kristjan Järvi sein neues Orchester Baltic Sea Philharmonic und das markante russische Wunderkind Alexander Malofeev präsentiert.

Das Orchester bringt junge Musikerinnen und Musiker aus den Ostseeanrainerstaaten zusammen. Arvo Pärts „Swansong“ gibt es zur Eröffnung, ein sanftes, melancholisches Kreiseln, bevor es melancholisch, aber weniger sanft weitergeht. Baltic Folk? Malofeev ist inzwischen 16 Jahre alt, sieht aber viel jünger aus, hat aber riesige Hände und spielt Klavier mit dem Gestus eines Pianisten, der seit Jahrzehnten im Geschäft ist. Man sieht vor sich, wie das Kind Vorbilder beobachtet und wie die Lehrer und Lehrerinnen an der Moskauer Spezialschule für Musik „Gnessin“ tradierte Körpersprache weitervermitteln. Effekt und Effizienz gehen dabei Hand in Hand. Viel Sachdienlichkeit, kaum Pose. Man hört ein unheimlich energisch, versiert und souverän vorgetragenes Klavierkonzert Nr. 2 von Sergej Rachmaninow, mit Hochgeschwindigkeitselementen selbst im langsamen Satz, mit einem ausgeprägten Faible aber auch für die Stimmungswechsel und für die hier geradezu koboldisch wirkende zarte Flinkheit.

Lust an der exzentrischen Virtuosität trifft auf immense technische Befähigung, wobei es eine Erleichterung ist, einen suboptimalen Triller zu hören. In der Zugabe, Prokofjews Toccata, wirbelt Malofeev das Publikum noch einmal regelrecht auf. Nur hat er womöglich noch mehr Spaß als seine Zuschauer.

Der Abend, bei dem man jetzt immer noch nicht genau weiß, warum er Baltic Folk heißt, ist auch einer fürs Auge. Malofeevs unexaltiertes, intensives Spiel lenkt vom Orchester ab, aber das hat für den zweiten Teil noch etwas Besonderes in petto. In der Pause werden die Pulte abgeräumt, Igor Strawinskis Feuervogel-Suite wird auswendig und, sofern das Instrument es möglich macht, im Stehen gespielt. Die Cellisten bilden einen inneren Kreis, um sie herum wogt es deutlich mehr als gewöhnlich, aber es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich gut trainierte Orchestermitglieder mit einer solchen Situation umgehen. Järvi fordert die prächtigen Aufwallungen ebenso enthusiastisch heraus, wie er den zahlreichen blitzsauberen Soli Entfaltungsspielraum lässt.

Die hintere Zugabe dann: Baltic Folk! Järvi fordert jetzt wirklich zum Mitklatschen auf, und das letzte, was man von ihm sieht, ist, wie er ins Publikum springt und tanzend in der auch fast tanzenden, jedenfalls juchzenden Menge verschwindet.

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