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Rheingau Musik Festival Eröffnungskonzert Ein gepflegtes Klangmassiv

Das 29. Rheingau Musik Festival glänzt in Kloster Eberbach und mimt dem hr-Sinfonieorchester gleich mit seiner Kernkompetenz: Atmosphäre.

19.06.2016 16:12
Stefan Schickhaus
Von gegenseitiger Hochachtung getragen: Christoph Eschenbach dirigiert im Rheingau das hr-Sinfonieorchester. Foto: RMF/ Ansgar Klostermann

Aus der Tiefe, aber ungemein mächtig startete das 29. Rheingau Musik Festival. Weil Franz Schuberts „Unvollendete“ den ersten Programmpunkt bildete beim diesjährigen Eröffnungskonzert und weil diese sonderliche Sinfonie alleine mit den Kontrabässen und Violoncelli beginnt, hätte man eigentlich nicht viel mehr als ein sanft-unbestimmtes Rumoren hören dürfen – schließlich verlangt Schubert ein Pianissimo hier. Doch man befand sich in der Basilika von Kloster Eberbach, und dieser Raum ist keiner für die dezente Bassstruktur. Weshalb die Bässe sonor und potent auftraten, überwältigend offensiv.

Das Rheingau Musik Festival, die ersten Takte machten es gleich deutlich, geizt nicht mit musikalischem Muskelspiel. Damit fährt es gut, die Zahlen auch für dieses Jahr sind ungefährdet im grünen Bereich: 153 Konzerten stehen dem Rheingau-Publikum in den nächsten zehn Wochen bevor, von den 124 000 angebotenen Karten wurden bereits 101 000 verkauft. Das Eröffnungskonzert jetzt gehörte zu den 85 Veranstaltungen, die restlos ausverkauft sind.

Doch zurück in die Basilika. Traditionsgemäß übernimmt das Sinfonieorchester des Medienpartners Hessischer Rundfunk das Auftaktkonzert, in der Regel steht dabei der Chefdirigent am Pult. Diesmal aber hatte man einen Gast dafür geladen, einen seltenen dazu: Seit 19 Jahren hatte Christoph Eschenbach die hr-Sinfoniker nicht mehr dirigiert, ein Zusammentreffen jetzt, das von gegenseitiger Hochachtung getragen war. „Von Herzen gratulieren“ zu ihrer Leistung wollte Eschenbach den Musikern nach dem Konzert, und diese wiederum sprachen von einer „Auszeichnung“ und einem „Vergnügen“, mit dem charismatischen 76-jährigen Orchesterleiter zusammenarbeiten zu dürfen.

Cool alles auswendig

So professionell, ja cool der alles auswendig dirigierende Christoph Eschenbach am Pult des hr-Sinfonieorchesters auch auftrat: Man hat es hier nicht mit einem kühl-nüchternen Strategen zu tun, sondern mit einem Mann der Extreme und Temperamente. In Schuberts h-Moll-Sinfonie machte er die Fallhöhe zwischen elegisch und dramatisch fast überdeutlich – wobei die dramatische Schärfung in der schwierigen Basilika-Akustik zwangsläufig weniger prägnant erscheinen musste. Umso beseelter das Lamento der Cellisten, die hier mehr sangen als spielten. Die extrem langsamen Tempi Eschenbachs bei dieser Schubert-Elegie waren dem Raum äußerst zuträglich.

Dass die Eberbach-Basilika kein Ort für differenziertes Hören ist und dass da der Platz zuhause am Radio geeigneter wäre – der Hessische Rundfunk übertrug live –, wurde dann bei Bruckners sechster Sinfonie klar. Sich aber überwältigen lassen, ja, das konnte man, und zwar mit großem Gewinn. Die auftrumpfenden Posaunen, die leuchtenden Streicher, die sonoren Tiefbässe, das gepflegte Klangmassiv: Wem Atmosphäre vor Analyse geht, der erlebte hier einen rundum erfüllenden Abend.

Das durch Sponsoring und Eintrittsgeld finanzierte Rheingau Musik Festival sei, sagte Ministerpräsident Volker Bouffier bei seiner Eröffnungsansprache lobend, „eine große Bürgerinitiative, die öffentliche Hand ist fast nicht dabei“. Eine andere Bürgerinitiative, nämlich eine aus Mainz gegen den Fluglärm, hatte sich ihrerseits vor dem Eröffnungskonzert an der Zufahrtsstraße zum Kloster postiert. Unter dem Motto „Klanggewalten“ – entlehnt einer Festival-Konzertreihe, zu der auch dieses Schubert-Bruckner-Programm zählt – hielten sie dort eine Mahnwache ab und erinnerten daran, dass Befürworter des Flughafenausbaus als Sponsoren, Schirmherr und sogar als Kuratoriumsvorstand des Rheingau Musik Festivals aufträten – „sie haben keine Skrupel, sich als Wohltäter und Kunstmäzene feiern zu lassen“, wo doch Fluglärm und Feinstaub krank machten. Schließlich ginge auch Musik im Fluglärm unter, so ihre Argumentation. Bei diesem Bruckner allerdings hätte kein Airbus-Triebwerk eine Chance gehabt.

Das Eröffnungskonzert im Fernsehen des HR: Sonntag, 10. Juli, 10 Uhr.

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