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Rheingau Musik Festival Eine Frau singt rot

Springteufel der Alten Musik: Simone Kermes spuckt Lava beim Rheingau Musik Festival. Von Stefan Schickhaus

Simone Kermes wird immer röter. Als im März ihr Album "La Diva" mit Händel-Arien erschien, sah man die Leipziger Sängerin noch mit gedeckt-roter Mähne auf dem Coverbild; jetzt, am Tag des Erscheinens des neuen Albums mit neapolitanischen Arien des 18. Jahrhunderts, trat sie mit feurig-orangfarbener Haarpracht beim Rheingau Musik Festival auf, so ganz passend zum neuen CD-Titel "Lava". So leuchtete Simone Kermes durch die Basilika von Kloster Eberbach, mit Händel-Arien zwar, aber mit Lava auf dem Kopf und in der Kehle.

In ihrem Händel-Programm, auf CD oder im Konzert, fällt eine kleine Unlogik auf. Simone Kermes, die derzeit nicht nur optisch auffälligste deutsche Barocksopranistin, hat ihr Arien-Programm der Barockkollegin Francesca Cuzzoni gewidmet, einer Haupt-Diva Händels und gleichzeitig die große Konkurrentin der ebenfalls absoluten Primadonna Faustina Bordoni.

Nun war aber gerade La Bordoni für ihre Stimmartistik berühmt gewesen, während die Zeitgenossen an La Cuzzoni die lyrische Schönheit der Stimme schätzten. Und Simone Kermes, die Lava-Sängerin, ist nun eindeutig ein Bordoni-Typus: Explosiv, virtuos, furios. Changierende Stimmfarben ist ihre erste Kernkompetenz nun ja nicht.

Dass sie auch Cuzzoni-Qualitäten hat, bewies La Kermes nun eher entsprechend selten bei ihrem sagenhaft bewegten Rheingau-Auftritt. Doch diese Momente hatten es in sich: Die A-Teile der Cleopatra-Arie "Piangerò la sorte mia" (aus "Giulio Cesare") etwa gaben wertvolle Ruhepole ab, mit Herztönen und fein justiertem portamento.

Wahrscheinlich aber wirkte diese rare, in sich ruhende Innigkeit gerade deshalb so stark, weil Simone Kermes ansonsten stets in Bewegung war. Ihre Arien präsentierte die stimmgewandte, gerne durch drei Oktaven jagende Sopranistin nämlich am liebsten als Springteufel der Alten Musik: Immer im Disco-Schritt, immer in Interaktion mit den Musikern der Berliner Lautten Compagney, immer mit dem Kopf wackelnd und den Armen schlenkernd und auf den Podiumsboden stampfend als stände noch eine Gran Cassa in der Partitur.

Hüftbetontes Barock-Agieren

Verglichen mit diesem halbszenischen Aktionsprogramm wirkt ein Auftritt von Cecilia Bartoli wie eine Meditationsübung; die Grenze zur Karikatur mag Simone Kermes dabei durchaus streifen. Das Publikum aber ist hingerissen.

Simone Kermes kann sich das doch manchmal etwas aufgesetzte Rock-Barock-Agieren leisten. Denn ihr Stimmmaterial hält allemal, was ihre Haarfarbe und ihr Hüftkreisen versprechen: Kermes´ Sopran hat Kern, er sticht präzise, sie setzt - wie in Cleopatras "Se pietà di me non senti" zu hören - das Messa di voce ebenso gewagt wie gekonnt ein.

Die Lautten Compagney, geleitet von Wolfgang Katschner, gab sich da deutlich zurückhaltender: Den etwas fahrig klingenden Streichern standen als klangliche Gegenpole gleich drei Lauteninstrumente gegenüber, die Mischung passte. Und flexibel sind die Berliner Musiker ohnehin, wie sie bei der ersten Zugabe zeigten: George Gershwins "The Man I Love" auf Barockinstrumenten. Simone Kermes ließ nach all der Lava finalen Rauch aufsteigen.

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